Anton Wildgans (1881-1932)

Die Sonette an Ead (1913)

Ú

28 I 0:46
29 II 0:48
30 III 0:44
31 IV 0:45
32 V 0:47
33 VI 0:47
34 VII 0:48
35 VIII 0:49
36 IX 0:49
37 X 0:49
38 XI 0:52
39 XII 0:51
40 XIII 0:51
41 XIV 0:46
42 XV 0:47
43 XVI 0:50
44 XVII 0:46
45 XVIII 0:48
46 XIX 0:49
47 XX 0:47
48 XXI 0:47
49 XXII 0:47
50 XXIII 0:51
51 XXIV 0:49
52 XXV 0:54
53 XXVI 0:50
54 XXVII 0:51
55 XXVIII 0:58
56 XXIX 0:58
57 XXX 0:58
25:29

Zur Entstehungs-
geschichte

Der Dichter
im Jahre 1910

 

Aus Mönichkirchen schrieb am 26. Juni 1912 Anton Wildgans an Friedrich Winterholler:
»... Ich habe gestern auf einer Korrespondenzkarte wetterleuchtend bemerkt, daß ich Ihre Zeit in Anspruch nehmen werde. Ich glaube damit einem von Ihnen geäußerten Vorschlag zu entsprechen.
Es handelt sich um zirka dreißig Sonette, die ich als eigenes Buch herausgeben möchte. Sie heißen als solches:      
                                        Die Sonette an Ead.
                                      Ein Buch für Menschen.
Ich habe die ersten zwölf in einem derartigen Rauschzustand verfaßt, daß ich sie binnen eines Nachmittags ohne Korrekturen hinschrieb.
Ich bin diesem Phänomen und den einzelnen Sonetten gegenüber ratlos. Manchmal, das heißt immer, habe ich das Gefühl, daß sie das Schönste sind, was ich bisher - das heißt lyrisch - geschrieben habe; aber wie viele und welche fremde Quellen und ob solche überhaupt in meine Melodie eingeflossen sind - das kann ich nicht beurteilen. Von den zirka dreißig Sonetten sind jetzt zirka vierundzwanzig fertig. (Das Werk von sechs Tagen, was ich nur deswegen anführe, um den Impuls zu charakterisieren.)...«

Am 3. August 1912 schrieb der Dichter aus Afritz an seinen Freund Arthur Trebitsch :
          »Lieber Freund!
Es mag schon sein, daß es das Alter ist, was Arbeit und Konzentration gestattet. Diese Empfindung hatte ich auch. Darum lautet auch von den Sonetten an Ead das zwölfte:

Und bin doch schon so alt - wohl nicht an Jahren,
Doch manchmal, wenn ich Menschen reden höre,
Wie jener fürchtet, daß er dies verlöre,
Und dieser klagt um Dinge, welche waren -

Da weiß ich erst, wie viel ich schon erfahren;
Denn so ist nichts mehr, daß es mich betöre
Und meines Grames stumme Kreise störe -
Ist dies nicht eines Alternden Gebaren?

Und dann mein Herz - es schlägt nicht mehr so laut,
Wenn andre, Jüngre von den Zielen sprechen,
Die man aus Wünschen in die Wolken baut

Und die, vom trunknen Blicke kaum geschaut,
Beim ersten rauhen Windstoß niederbrechen -
Es altert schon, es schlägt nicht mehr so laut.

Damit hast Du gleichzeitig eine Probe von der Art dieser Sonette. Das »gestreifte Erlebnis« - nun - es war ein Nichts, gerade genug, um ein kleines, schmales Buch daraus zu machen. - Ein kleines Mädchen, siebzehjährig, über ihr Alter reif - musikalisch - mit der Feinfühligkeit der Nerven ausgestattet, weniger oder gar nicht mit der des Herzens. Dieses Mädchen auf dem Wege, sich in mich zu verlieben. Ich ihr im Unterbewusstsein geneigter, als mir ahnte - alles aber noch unter der Schwelle unseres beiderseitigen Bewußtseins. So weit, ehe meine Frau nach Mönichkirchen kam. Dann kam sie, ahnte Unausgesprochenes, kaum Angedeutetes mit dem Instinkt des Weibes, das lieber den Körper als die Seele des Mannes
verliert. Fing an, daran zu leiden. - Aber jenes Nymphchen, einsehend, dass eine hübsche junge Frau ein zu starkes Gegengewicht gegen Sie bilde, und weiter erkennend, daß ich um ihretwillen meine Frau nicht vor den Kopf stoßen würde, schwenkte ab, zu einem Menschen, auch Ehemann, der skrupelloser als ich - schien!
Wichtig ist nur, dass eine kräftige Disposition zu einem gefühlvollen Abenteuer da war, und dass sie niedergerungen werden mußte - in mir. da kam die große Katharsis der Sonette - in ihr die Erkenntnis. Du wirst sie ja lesen. Der ganze Vorgang steht hinter den 410 Zeilen. ... «

Am 7. November 1912 teilt Anton Wildgans dem Verleger Alfred Staackmann in Leipzig mit, dass er den Vertrag mit seinem früheren Verlag Axel Juncker in Berlin auflösen konnte. Nunmehr sollen seine Werke bei diesem renommierten Verlag erscheinen.

Am 16. November schrieb er an den neuen Verlag:
»Sehr geehrter Herr!
Ich übersende Ihnen anbei das eine Vertragsexemplar unterschrieben. Ich bin mit dem Inhalte in jeder Richtung einverstanden und danke Ihnen für die rasche Erledigung der Angelegenheit. Bezüglich der zu verwendenden Type hätte ich prinzipiell folgendes zu bemerken: Das Sonett ist eine spezifische romanische Dichtungsform, und wiederholter Augenschein hat mich belehrt, daß das Strophenbild in Antiqua geschlossener, ernster zur Geltung kommt.
Immerhin, wenn aber das letztere auch durch eine entsprechende Fraktur erzielt werden könnte, so hätte ich gegen ihre Verwendung nichts besonderes einzuwenden. Eine solche Fraktur müßte vollkommen und ohne alle Schnörkel und Mätzchen sein. Sie müßte ernst und klar sein. Und ziemlich groß. Für Antiqua wäre noch anzuführen, daß durch sie die Lektüre Nichtdeutschen, die Deutsches lesen, erleichtert wird. Aber das Gros des Publikums werden ja doch Deutsche sein.
So bleibt mir nur der Einwand von der spezifisch romanischen Dichtungsart übrig, und auf den versteife ich mich nicht. Was ich hingegen bitte, ist, daß Sie mir einige Frakturproben gütigst einsenden möchten. Ich werde dann so frei sein, mir die, welche mir am geeignetsten erscheint, auszusuchen. So wären wir also in dieser Sache einig, und ich freue mich, daß ich Ihnen in dieser Kleinigkeit entgegenkommen durfte.
Indem ich mich Ihrer Hochschätzung versichere, verbleibe ich mit den besten Grüßen Ihr sehr ergebener A. Wildgans

An Alfred Staackmann, Leipzig
Wien, 17. November 1912
Sehr geehrter Herr!
Verzeihen Sie, daß ich die Frage der Antiquatype noch einmal aufrolle, nachdem ich bereits gestern meine prinzipielle Einwilligung zur Fraktur gegeben habe. Ich hatte aber schon gestern das Gefühl, daß mir ein wichtiges Argument für sie Antiquatype nicht einfallen wollte. Dieses ist, daß der Name Ead ein englischer ist und doch schlechterdings nicht deutsch geschrieben werden kann. Es werden ja ohnehin genug Leute mit diesem Namen nichts anzufangen wissen und ihn statt ,,Id'' so aussprechen, wie er vokalisch geschrieben wird. Um so größer würde die Verlockung zur falschen Aussprache sein, wenn sich der englische Name in der deutschen Fraktur verbergen würde. Abgesehen davon, daß ich mir eine deutsche Schreibweise dieses Namens gar nicht denken kann. Ihn allein aber auf dem Titel Antiqua zu drucken und ebenso in der letzten Zeile des letzten Sonetts, das ginge wohl nicht an. Ebensowenig könnte man, glaube ich, den Titel allein Antiqua drucken und den Text in Fraktur. Ich bitte Sie, diese Umstände in Erwägung zu ziehen. Ich möchte ja am liebsten Ihnen zuliebe von der Antiqua abstehen, und ich habe auch im ersten Moment, wie in meinem gestrigen Briefe hervorgeht,
meinen Standpunkt fallenlassen. Heute Nacht fiel mir aber dieses wichtige Argument, das mich seinerzeit zur Antiquatype gedrängt hatte, wieder ein. Ich bitte Sie, mir diesen scheinbaren Wankelmut nicht zu verübeln. Im allgemeinen bin ich ja auch für Fraktur, wie dies meine bisherigen Bücher beweisen. Aber „Ead“ deutsch geschrieben, das scheint mir eine Unmöglichkeit. Vielleicht ist dieser Grund auch für Sie stark genug, um Ihre Bedenken gegen die Antiqua in diesem speziellen Falle zu zerstreuen. Indem ich um die Mitteilung Ihrer geschätzten Ansicht bitte, verbleibe ich, Sie bestens grüßend
Ihr in Hochschätzung ergebener A. Wildgans

Am 14. Dezember 1912 schrieb Anton Wildgans aus Semmering an Felix Braun:
»Lieber Herr Dr. Braun!
Wenn auch verspätet (weil ich inzwischen auf den Semmering gefahren bin und ein ganzes dreiaktiges Stück beinahe fertig gemacht habe) - aber um so herzlicher danke ich Ihnen für Ihre liebe Karte.
Diese Sonette halte in der Tat auch ich für das Beste, was ich bisher geschrieben habe. Und jenes Sonett, das Ihren meisten Beifall gefunden hat, ist auch mein Liebling - wiewohl sie mir alle lieb sind, denn sie sind mir seinerzeit wahrhaft geschenkt worden. In sieben Tagen waren alle dreißig fertig.
So etwas kommt nur alle zehn Jahre einmal - oder vielleicht überhaupt nur einmal im Leben - und das ist das Wehmütige an der Sache: an einem Werk zu sehen, daß man darin vielleicht eine Art von Höhepunkt, einen unüberschreitbaren erreicht
hat. Übrigens, lieber Herr Doktor Braun, möchte ich Ihnen die Sonette gerne vorlesen. Erscheinen werden sie ja erst Ende Februar, und sollte der Krieg ausbrechen, dann gar nicht vorderhand.
Denn wenn andere Menschen zu Hunderttausenden dahingemetzelt werden, da möchte ich nicht mit verliebten Sonetten auf den Plan treten. Würde mich dessen schämen. ...«

Am 30. Juni 1913 schrieb Anton Wildgans aus unter-Tullnerbach an den Verleger Alfred Staackmann in Leipzig:
»Sehr verehrter Herr Staackmann!
Besten Dank für die Abrechnung und das freundliche Schreiben. 424 bar verkaufte Exemplare sind mehr als ich mit einem Buche durch Juncker in vier Jahren erzielen konnte. dazu kommt, dass dieses Resultat in drei Monaten gezeitigt wurde. Von
meinem Standpunkte aus darf ich also wohl zufrieden sein. Freilich ist es zu bedauern, dass ich für Ihren Verlag nur so eine Art Luxusgegenstand bin und, ich fürchte, auch bleiben werde. Bis auf weiteres wenigstens. ... «

Bei der hier genannten Abrechnung geht um den Gedichtband: »Die Sonette an Ead«.

Quelle: »Anton Wildgans. Ein Leben in Briefen«, herausgegeben von Lilly Wildgans, Wien 1947, Erster Band 1900-1916,
Seiten 311 bis 360 (nach der Chronologie erkennbar)