Fantasiestücke in Callot's Manier

Blätter aus dem Tagebuch
eines reisenden Enthusiasten

Zweiter Band


Schuber mit 5 CD und 60seitigem Beiheft zum Preis
von € 36,50. - Nicht mehr leferbar

Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza
CD 1   1 -   3  in -y- 13.40
  4 -   8 In Spanien unter Hexen 27.30
  9 - 11 Die Poesie und die Gesellschaft 16:33 57.44
CD 2   1 -   3  Berganza im Hause Cäciliens 13.49
  4 -   5  Der poetisch-künstlerische Zirkel 12:57
  6 -   8  Die doppelte Sphinx 22:30
  9 - 11  Cäcilie und ihre Verehrer 21:54 72:27
CD 3   1 -   2  Auf dem Theater 13:47
          3  Calderón de la Barca 6:45
  4 -   5  Dichter, Märchen und Poesie 14:48
  6 -   7  Gesprenkelte Charaktere 8:24 43:02
Der Magnetiseur
CD 1   1 -   2  Träume sind Schäume 17:34
  3 -   4  Der Maler Franz Bickert 18:07
  5 -   7  Ottmars Erzählung 25:24 61:15
CD 2   1 -   2  Mariens Brief an Adelgunde 14:28
  3 -   4  Fragment von Albans Brief 15:29
              an Theobald
          5  Das einsame Schloß 5:13
          6  Aus Bickerts Tagebuch 5:40 40:14

  Die »Fantasiestücke in Callots Manier« sind der literarische Ertrag Hoffmanns »Lehr- und Marterjahre« in Bamberg (September 1808 bis April 1813), sowie der Zeit, die er als »wandernder Musikdirektor« in Dresden und Leipzig zubrachte (April 1813 bis September 1814) und der ersten Monate seines dritten Berliner Aufenthaltes. Es handelt sich um eine Sammlung von zwanzig unterschiedlichen Stücken: musik­theoretische Aufsätze, Abhandlungen mit autobiographischem Bezug sowie Märchenhaftes und fantastische Erzählungen.

  Die Schöpfung der »Fantasiestücke in Callots Manier« gehen zurück auf einen Vertrag, den E. T. A. Hoffmann mit dem Bamberger Buchhändler, Leihbibliothekar und Weinhändler Kunz eingegangen war. Dieser Vertrag wurde auf Drängen Hoffmanns aufgesetzt, der für seinen Fortzug ein Zugeld brauchte; den Fortzug hatte er seiner Leidenschaft für die 16jährige Julie Marc zu verdanken. Er hatte deren Bräutigam bei einer auswärtigen Festivität aufs gröbste beleidigt und der Bamberger Patrizierfamilie höchsten Tort angetan..
  Er trat ein Amt als Konzertmeister bei der Seconda'schen Truppe an, deren Wirken durch die Kreigswirren schwer beeinträchtigt wurde. So lebte er denn kümmerlich, mal in Leipzig, mal in Dresden, bis er nach seiner Kündigung der Stelle nach Berlin zog. Er bemühte sich darum, wieder in den Staatsdienst zu kommen. Im Januar 1815 schloss er die Arbeiten am vierten Band der »Fantasiestücke« ab.
  Durch die bereits erschienenen ersten beiden Bände »in Callots Manier« war er zum vielbeachteten Schriftsteller sowie in den Berliner literarischen Kreisen als »merkwürdig« bekannt geworden. Er übernahm, angeregt durch die Bekanntschaft mit Adelbert von Chamisso, aus dessen Märchenerzahlung »Peter Schlemihls wundersame Geschichte« (1814) das Motiv vom verlorenen Schatten und schrieb als Pendant seine »Geschichte vom verlornen Spiegelbilde«, in der Rahmenerzählung »Die Abenteuer der Silvesternacht«, die er als Eröffnungsbeitrag (VIII. Stück) für den vierten Band bestimmte. Im Druck erschienen die vier Bändchen der Buch-Erstausgabe unter dem Titel »Fantasiestücke in Callots Manier. Fliegende Blätter aus dem Tagebuche eines reisenden Enthusiasten« wie folgt: Band 1 und 2 Ostern 1814, Band 3 Ende des Jahres 1814 und Band 4 Ostern 1815.
  Die »Fantasiestücke« sind das einzige Werk des Dichters, das zu seinen Lebzeiten in einer »Zweiten, durchgesehenen Auflage in zwei Teilen« (Bamberg 1819) erschien. Einzelheiten über den Druckprozess sind nicht mehr bekannt. Fest steht, dass der Autor das Manuskript für die zweite Auflage, die als authentische Ausgabe letzter Hand gilt, sorgfältig durchgesehen und zahlreiche Textänderungen vorgenommen hat. Darüber hinaus wurden die Beiträge der vier Bände nun auf zwei stärkere Bände umverteilt, wobei das in den Aufsatz »Kreislers musikalisch-poetischer Klub« einge­schobene Fragment »Prinzessin Blandina« (Erster Aufzug) als »unangemessen« aus­geschieden wurde. Hoffmann hat verschiedentlich Partien ausgelassen und Kürzungen vorge­nommen, so beim »Magnetiseur« und bei den »Abenteuern der Silvesternacht«. Auch stilistisch wurde die neue Ausgabe einer gründlichen Durchsicht unterzogen; der Autor hat umständliche Satzperioden vereinfacht, Fremdwörter verdeutscht sowie Rhythmus und Sprachmelodie verbessert.

  Die »Fantasiestücke in Callots Manier« machten Hoffmanns Namen beim Lesepublikum sowie auch in literarischen Kreisen schnell bekannt, so dass man »den Verfasser ... zu großen Tees« einlud, »als sei er eine merkwürdige Person« (Hoffmann an Hippel, 12. März 1815). Trotz dieses Erfolges beklagte sich der geschäftstüchtige Verleger Kunz in Bamberg bei Hoffmann: »Ja! Sie sind wirklich ein teurer Freund, denn Sie kommen mir teuer zu stehen« - »und nun folgte«, wie der Dichter im Brief an Friedrich Speyer vom 1 Mai 1820 Kunz’ Verhalten persiflierte, »eine Apotheker­rechnung des ungeheuern Schadens, den ihm der Verlag meiner ,Fantasiestücke’ verursacht - dann aber... die Aufforderung, ihm ferner Werke im Verlag zu geben«
  »Er war«, schrieb Willibald Alexis in seinem Beitrag zu Hitzigs Biographie »Aus Hoffmanns Leben und Nachlaß« (»Zur Beurteilung Hoffmanns als Dichter«, 1823), »zuerst als Enthusiast aufgetreten, und seine ,Fantasiestücke’ erregten einen weit lauteren Beifall als seine spätem, in sich vollendeten Erzählungen.« Entscheidende Beiträge für die wachsende Beliebtheit der Stücke »in Callots Manier« leisteten vor allem die fast durchweg wohlwollenden bzw. reichlich Lob spendenden zeitgenössischen Rezen­sionen renommierter Jahrbücher und Literaturzeitungen, aber auch die in kleine­ren Periodica erschienenen klischeehaften Annotationen.

              Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza

  In diesem Stück, das als Zwiegespräch gestaltet ist, steht der persönliche Anlass im Vordergrund, die autobiographische satirische Intention nimmt einen breiten Raum ein. Der Inhalt ist geprägt durch die Erlebnisse Hoffmanns im Hause der Konsulin Mark in Bamberg. Seit der Wiederaufnahme der Tagebucheintragungen zu Beginn des Jahres 1811 reißen die leidenschaftlichen, die Gefühlsverwirrung des Dichters kennzeichnenden Notate über die hochgestimmten musikalischen und erotisch-»ekstatischen« Beziehungen zu seiner Klavier- und Gesangsschülerin Julie Mark nicht ab. Er spricht von »fixen Ideen«, »exotischen Gedanken«, »Esperanzen« und ergeht sich in »wolllüstischsten«, wahnsinnigsten«, »infamsten crudelsten«, »verderblichsten« Reflexionen, in »Betrachtungen über das Selbst, dem der Untergang droht«. »Göttliche Ironie! - herrlichstes Mittel, Verrücktheiten zu bemänteln und zu vertreiben, stehe mir bei...«, so am 29. April 1812.
Am 8. April 1812 hielt der reiche Hamburger Kaufmann Johann Graepel, Mitinhaber des Bankhauses J. G. Graepel & Sohn, um die Hand Juliens an, und am 10. August fand die aus materiellen Erwägungen von der Konsulin betriebene Verlobung der Tochter statt, die nach Hoffmanns Überzeugung für eine künstlerische Laufbahn begnadet und und sich der Tragweite dieses Schrittes nicht bewusst war. Der Tagebucheintrag kennzeichnet die Situation Hoffmanns aus seiner Sicht: »Il colpe e fatto! La Donna e diventa la sposa di questo maledetto asino di mercante e mi pare, che tutta la mia vita musicale e poetica e smorzata - bisogna di prender una risoluzione degna d’un uomo come io credo de’esser - quest’ era un giorno diabolico. - « [Es ist geschehen! - Die Dame ist die Braut dieses verdammten Esels von Kaufmann geworden, und es scheint mir, dass mein ganzes musikalisches und poetisches Leben erloschen ist - ich muss zu einem Entschluss aufraffen, der eines Mannes, wie ich zu sein glaube, würdig sein soll - das war ein teuflischer Tag -]
  Am 6. September kam es während eines Ausflugs nach dem nahe gelegenen, durch Schloss und Garten bekannten Ort Pommersfelden zu einem eklatanten Auftritt. Kunz berichtet in seinen »Erinnerungen...« von den »unsinnigen Urteilen über Kunst überhaupt und über die gesehenen Kunstgegenstände« sowie über die »ziemlich indezenten Späße« des bereits nach dem Diner völlig betrunkenen Bräutigams, der schließlich, »alle Viere von sich streckend, auf dem Erdboden lag«, woraufhin Hoffmann ausgerufen habe: »Sehen Sie, da liegt der Schweinehund!... das kann nur so einem gemeinen, prosaischen Kerl passieren!« Damit war der Bruch vollzogen und Hoffmann endgültig mit der Bamberger Gesellschaft zerstritten.
  Hoffmann reagierte auf dieses Ereignis mit einem Entschluss, den er Kunz gleich am folgenden Tage mitteilte: »Ich werde Ihnen ein vortreffliches Buch schreiben, ein ganz vortreffliches - die Welt wird erstaunen und damit zufrieden sein!« Der Verleger bemerkt dazu in seinen »Erinnerungen...« (S. 95): »Hoffmann intendierte nämlich schon lange vor jenem Vorfall, Reminiszenzen aus seinem Bamberger Leben niederzuschreiben und, sobald er die Stadt verlassen, sie herauszugeben. - Bruchstücke, wie sie ihm einfielen, wurden zu Papier gebracht und der Auftritt in Pommersfelden nun zunächst Gegenstand seiner Beschäftigung. Aber über die Art wie er die sämtlichen Fragmente aneinanderreihen, einkleiden und zu einem Ganzen verbinden sollte, konnte er nicht einig werden. - Eine Aventüre mit dem Hunde Pollux reichte ihm auf einmal den Schlüssel«; er fasste die Idee, den der unmittelbaren Wirklichkeit entsprechenden Stoff (das Leben und Treiben im Markschen Hause) durch Anknüpfung an Cervantes’ Novelle »Gespräch zwischen Scipio und Berganza, zwei Hunden im Hospital zur Auferstehung in Valladolid, vor dem Tor del Campo, gewöhnlich die Hunde des Mahuds genannt« (im dritten Band der »Lehrreichen Erzählungen«; 1801 in der Übersetzung von O. W. Soltau erschienen) literarisch einzukleiden - mit der Änderung, dass nur der eine Hund als Gesprächspartner, und zwar des Verfassers selbst, auftritt. Hoffmann ist im »Berganza« als Kreisler, Erzähler und Musiklehrer präsent; die Verwendung der Tiermaske für den »satyrischen« Gesrächspartner als Stilelement hat den Konflikt mit der Bamberger Gesellschaft eher verschärft als verfremdet. Es gelang jedoch dem Dichter, der aktuellen Geschichte durch die geschickt eingesetzten poetischen Mittel allgemeingültigere Dimensionen zu verschaffen; die Erzählung gipfelt in ihrem Schlussteil in Betrachtungen über Theater und Literatur sowie in einer Würdigung der wahren Kunst.

                             Der Magnetiseur

  Schon in Bamberg war Hoffmanns Interesse durch den Verkehr mit dem Medizinaldirektor der Krankenanstalten und Leiter der Irrenanstalt, Adalbert Friedrich Marcus (einem Anhänger Schellings), mit dessen Neffen, dem städtischen Gerichtsarzt und Landgerichtsphysikus Friedrich Speyer (den er später zum Gutachter für die medizinische Seite seiner Erzählung bestimmte) , sowie mit dem Dichter und Redakteur des »Fränkischen Merkur«, Friedrich Gottlob Wetzel (einem Freund des romantischen Naturphilosophen Gotthilf Heinrich Schubert), auf diese Materie gelenkt worden, die in der Folgezeit immer mehr Anziehungskraft für ihn gewann. Hoffmann studierte Karl Alexander Ferdinand Kluges »Versuch einer Darstellung des animalischen Magnetismus als Heilmittel« und Schuberts Abhandlung »Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft«, benutzte zweifellos aber auch die einschlägigen publizistischen Arbeiten von Philippe Pinel (Paris 1801), Ernst Barthels (Frankfurt a. M. 1812) und Johann Christian Reil als Stoffquellen.
  Durch die fortgesetzte Beschäftigung mit dem Magnetismus weitete sich Hoffmanns Gesichtskreis; er begegnete dem fragwürdigen Gegenstand mit verstärkter Skepsis, die dann auch die thematische Konzeption seiner novellistischen Arbeit bereicherte.