Seltsame Leiden eines Theaterdirektors
Aus mündlicher Tradition mitgeteilt
vom Verfasser der Fantasiestücke in Callot’s Manier


Kassette mit 4 CD und 52seitigem Beiheft
zum Preis von € 32,50 - Nicht mehr lieferbar.

CD 1 Vorwort 2:29
Im Frühstückszimmer 16:30
»Gusmann der Löwe« 11:22
Königin Mikomikona 5:12
Kajus, der Tyrann 4:53
Das Kleid 8:44
Rosaura 8:27
Publikumslieblinge 8:58 66:35
CD 2 Mimikry 10:15
Eitelkeit 10:24
Eigenheiten 10:17
Die Philippsuhr 13:31
Der Humor 9:00
Ironie, Ernst und Komik 15:00 68:10
CD 3 Shakespeare 10:15
Schiller 11:24
Persiflagen 6:07
Mimen 10:28
Theaterkunst 14:39
Theaterbau und Drama 8:08
Das Theaterstück 12:20 73:21
CD 4 Die Dichter 12:12
Die Wette 8:14
Die Kritik 7:26
Die Opposition 9:30
Gozzi: Das Märchen der drei Pomeranzen 16:09
Finale 10:00 63:31

                                 Seltsame Leiden eines Theaterdirektors

Der dialogisierte Aufsatz, der die im Umgang mit Angehörigen der Berliner Bühne gewonnenen persönlichen Erfahrungen Hoffmanns und seine Kenntnis vom Entwicklungsstand der zeitgenössischen deutschen Schauspielkunst und Dramaturgie widerspiegelt, hat einen autobiographischen Anlass. Seit seiner Tätigkeit als Kapellmeister, Regieassistent, Direktionsgehilfe und Bühnenarchitekt in Bamberg (1808 bis 1813) mit der Theaterpraxis vertraut, sah sich Hoffmann während der Einstudierung seiner Märchenoper »Undine« am Berliner Opernhaus im ersten Halbjahr 1816 erneut mit diesem Metier konfrontiert. Der Bassist Joseph Fischer, seit 1814 Mitglied des Opernensembles, hatte - wie Friedrich Wilhelm Gubitz im zweiten Band seiner »Erlebnisse« (1868) berichtet - am 6. Juli 1816 der Theaterintendanz die Partie des Kühleborn aus »Undine« »zur Disposition« zurückgeschickt, »weil unsangbar sei, was der Herr Kammergerichtsrat dem Sänger in Noten vorlegt«, so dass die Rolle umbesetzt werden musste. Das sich häufig wiederholende provozierende Benehmen Fischers, das ihn nicht nur bei Hoffmann, sondern auch beim Theaterpublikum in Misskredit brachte, löste eine heftige Pressefehde und schließlich am 20. Februar 1818 einen
Theaterskandal aus, auf Grund dessen der Sänger seinen Abschied nehmen musste. Am 25. Februar veröffentlichte der tiefgekränkte Künstler in der von Gubitz herausgegebenen Zeitschrift »Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz« (Nr. 32) eine mit Vorwürfen gespickte »Ansprache an das Publikum«, die Hoffmann umgehend mit einem anonymen, mit »B.« gezeichneten Artikel »Einige Bemerkungen zu den Worten, die der Königliche Kammersänger Hr. Fischer in Nr. 32 des ,Gesellschafters’ über das Verhältnis des Künstlers zum Publikum ausgesprochen hat« - abgedruckt am 2. März 1818 in der von August Kuhn herausgegebenen Zeitschrift »Der Freimütige oder Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser« (Nr. 44) - konterte. Die Kontroverse beginnt mit dem ironischen Satz: »Wie herrlich, wie erfreulich ist es, wenn ein großer Künstler es nicht verschmäht, selbst das Publikum darüber zu belehren, wie es sich gegen ihn zu betragen und seine Produktionen aufzunehmen hat...« und schließt mit dem Ausruf: »Fliehe - fliehe uns Barbaren!« Bereits am 3. April 1817 hatte Hoffmann seinem Freund Fouqué, dem Textdichter der »Undine«, geschrieben: »Meine Galle, durch die Unarten und Unziemlichkeiten des Schauspielervolks erregt, sprütze ich aus in einem langen Gespräch zweier Schauspieldirektoren, das schon durch vier Stücke des ,Dramaturgischen Wochenblatts’ geht und viel Tumult erregt! - [Generalintendant] Brühl ist molto contento [sehr zufrieden] - Fischer kommt übel weg! - Lustig ist's, daß mir unwillkürlich ein Lazzo entschlüpft ist: - Jene Herren unterscheide ich nach ihren Röcken, der Braune, der Graue, nun ist das aber abgekürzt gedruckt, der Br., der Gr., das Volk liest daher zu seiner Lust, der Br-ühl, der Gr-af - ohe iam satis [ach, das mag genügen]! - Wenn Sie nach sechs kommen, sollen Sie über das tolle Zeug 5 3/7 Minuten lachen.«
Das Theatergespräch war unter der Überschrift »Die Kunstverwandten« zwischen 15. Februar und 17. Mai 1817 im »Dramaturgischen Wochenblatt, in nächster Beziehung auf die Königlichen Schauspiele zu Berlin« (Nr. 33, 34, 36, 39, 44, 45 und 46) als Fortsetzungsreihe erschienen. Diese Zeitschriftenfassung weist noch deutlich auf den unmittelbaren Anlass hin; das satirische Element steht im Vordergrund, die direkten Anspielungen sind offensichtlich. Der Dialog wiederholt glossierend den bekannten Vorfall: Der erste Bass weigert sich, in der fiktiven Oper »Gusmann der Löwe« die Partie des Tyrannen Kajus zu singen, weil sie »nur mit einer einzigen Arie versehen ist«. Gewiss enthält dieser Teil des travestierenden Gesprächs noch manche ähnliche Seitenhiebe auf lebende Personen und aktuelle Theatervorfälle, die aber heute nicht mehr entschlüsselt werden können.

Die erste Rezension der »Seltsamen Leiden«, die am 2. Dezember 1818 kurz nach der Auslieferung des Bandes) in der Zeitschrift »Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz« (192. Blatt) veröffentlicht wurde, stammt von dem Berliner Schriftsteller und Theaterkritiker Friedrich Wilhelm Gubitz, der die Buchausgabe - ebenfalls als erster - bereits am 11. April im selben Blatt angekündigt hatte. Gubitz schreibt:
»,Das Schauspielhaus ist für den Direktor ein wahres Zuchthaus, worin man ihn für alle straft!' hörte Referent einmal von Iffland in lustiger Laune sagen - und - ,ohne daß man ihn für alle bessert!' setzte schalkhaft die Bethmann hinzu. Dieses Thema scheint in dem neuesten Werke des geist- und kenntnisreichen Verfassers entwickelt. Da sind geschildert: die Direktoren, die sich umtreiben in ihren Suchten und in den Anforderungen von rechts und links, wobei sie in der Vermittlung zwischen Publikum und Schauspieler in der Regel ans Kreuz geschlagen werden; ferner die Schauspieler, ohne Maß in Anmaßung, die so lange auf ihre Talente pochen, bis das Publikum pocht; die besseren Künstler, die, in ihren gerechten Forderungen oft mißverstanden, für ihre Eigenheiten die billige Schonung nicht gewinnen können. - Dann werden aufgedeckt die Schlauheiten der Sänger und Sängerinnen und die Ursachen der Heiserkeit, die dem Direktor oft alle Heiterkeit raubt; wir erblicken auch die Komponisten. wie sie zuvor hundertmal von ihrer Erhabenheit sprechen, ehe sie eine Gewöhnlichkeit singen lassen. Noch kommen an die Reihe die besseren Dichter, die sich lieber zum Nichtstun bequemen, als daß sie sich überhaupt bequemen möchten; und dann solche Verfasser, welche mit allerlei Winkelzügen und Kunststückchen den kleinen Beifall ertaschenspielern, doch aber über Kabale klagen und das Publikum bejammern, wenn es einmal das Schlechte mit den Füßen von sich stößt. Sehr belustigend ist dabei die Art geschildert, wie sich zwei schlechte dramatische Altflicker a priori gut und a posteriori erbärmlich finden. Dann empfangen die Geistverkürzer und Shakespeare-Zuschneider ihr Teil; auch solche Kritiker, die Lob und Tadel an den Meistbietenden verkaufen - sowie dagegen die, bei denen selbst der Feind das verdiente Lob und der Freund die verdiente Rüge umsonst empfangen, erwähnt sind. Natürlich ist bei allem das Publikum mit gezeichnet, zuweilen als viel-, zuweilen als ohnköpfiges Ungeheuer, öfter aber auch als ein neuer Daniel in seinen Ansprüchen. - Und damit man nun nichts übelnimmt, so ist nicht zu leugnen, daß sich der Verfasser, vielleicht unwillkürlich, gleich mitschilderte, besonders am Schlusse bei den Marionettenvorschlägen; doch sorgt er in solchen Fällen immer glücklich, daß man nie so recht weiß, wie man mit ihm daran ist, welches in allen ,Fantasie-’ und ,Nachtstücken’ immer die Lichtseite hervorbringt: daß man ihn nicht gedankenlos liest.«