Prinzessin Brambilla

Ein Capriccio nach Jakob Callot,
von E. T. A. Hoffmann


Kassette mit 7 CD und 48seitigem Beiheft
zum Preis von € 44,75 - Nicht mehr lieferbar.

CD 1 Vorwort 2:16
Erstes Kapitel
Zauberische Wirkungen eines reichen Kleides auf eine junge Putzmacherin. - 12:08
Definition des Schauspielers, der Liebhaber darstellt. - 10:01
Von der Smorfia italischer Mädchen. - Wie ein kleiner ehrwürdiger Mann, in einer Tulpe sitzend, den Wissenschaften obliegt und anständige Damen zwischen Maultierohren Filet machen. - 8:22
Der Marktschreier Celionati und der Zahn des assyrischen Prinzen. 10:21
Himmelblau und Rosa - Pantalon und die Weinflasche mit wunderbarem Inhalt. 7:22 50:28
CD 2 Zweites Kapitel
Von dem seltsamen Zustande, in den geraten, man sich die Füße an spitzen Steinen wund stößt, vornehme Leute zu grüßen unterläßt und mit dem Kopf an verschlossene Türen anrennt. - 6:54
Einfluß eines Gerichts Makkaroni auf Liebe und Schwärmerei. - Entsetzliche Qualen der Schauspielerhölle und Arlecchino. - 4:12
Wie Giglio sein Mädchen nicht fand, sondern von Schneidern überwaltigt 13:46
und zur Ader gelassen wurde. - 10:47
Der Prinz in der Konfektschachtel und die verlorne Geliebte. 9:49
Wie Giglio der Ritter der Prinzessin Brambilla sein wollte, weil ihm eine Fahne aus dem Rücken gewachsen. 6:31 52:16
CD 3 Drittes Kapitel
Von Blondköpfen, die sich erkühnen, den Pulcinell langweilig zu finden und abgeschmackt. - Deutscher und italienischer Spaß. - Wie Celionati, im »Caffè greco « sitzend, behauptete, er säße nicht im »Caffé greco«, sondern fabriziere an dem Ufer des Ganges Pariser Rappé. - 11:41
Wunderbare Geschichte von dem König Ophioch, der im Lande Urdargarten herrschte, und der Königin Liris. - 21:55
Wie König Cophetua ein Bettelmädchen heiratete, eine vornehme Prinzessin einem schlechten Komödianten nachlief und Giglio ein hölzernes Schwert ansteckte, dann aber hundert Masken im Korso umrannte, bis er endlich stehenblieb, weil sein Ich zu tanzen begonnen. 6:30 40:06
CD 4 Viertes Kapitel
Von der nützlichen Erfindung des Schlafs und des Traums, und was Sancho Pansa darüber denkt. - Wie ein württembergischer Beamter die Treppe hinabfiel und Giglio sein Ich nicht durchschauen konnte. 8:01
Rhetorische Ofenschirme, doppelter Galimathias und der weiße Mohr. - 13:01
Wie der alte Fürst Bastianelli di Pistoja Apfelsinenkerne in dem Korso aussäete und die Masken in Schutz nahm. 8:49
Der beau jour häßlicher Mädchen. - 12:15
Nachrichten von der berühmten Schwarzkünstlerin Circe, welche Bandschleifen nestelt, sowie von dem artigen Schlangenkraut, das im blühenden Arkadien wächst. - Wie sich Giglio aus purer Verzweiflung erdolchte, hierauf an den Tisch setzte, ohne Zwang zugriff, dann aber der Prinzessin eine gute Nacht wünschte. 9:46 51:49
CD 5 Fünftes Kapitel
Wie Giglio in der Zeit gänzlicher Trockenheit des menschlichen Geistes zu einem weisen Entschluß gelangte, den Fortunatussäckel einsteckte und dem demütigsten aller Schneider einen stolzen Blick zuwarf - 12:06
Der Palast Pistoja und seine Wunder. - 5:35
Vorlesung des weisen Mannes aus der Tulpe. - König Salomo, der Geisterfürst, und Prinzessin Mystilis. - 10:08
Wie ein alter Magus einen schwarzen Schlafrock umwarf eine Zobelmütze aufsetzte und mit ungekämmtem Bart Prophezeiungen vernehmen ließ in schlechten Versen. - 10:12
Unglückliches Schicksal eines Gelbschnabels. - Wie der geneigte Leser in diesem Kapitel nicht erfährt, was sich bei Giglios Tanz mit der unbekannten Schönen weiter begeben. 9:06 47:07
CD 6 Sechstes Kapitel
Wie einer tanzend zum Prinzen wurde, ohnmächtig einem Scharlatan in die Arme sank und dann beim Abendessen an den Talenten seines Kochs zweifelte. - - 16:42
Liquor anodynus und großer Lärm ohne Ursache. Ritterlicher Zweikampf der in Lieb und Wehmut versunkenen Freunde und dessen tragischer Ausgang. - 7:47
Nachteil und Unschicklichkeit des Tabakschnupfens. - Freimaurerei eines Mädchens und neu erfundener Flugapparat. - 8:43
Wie die alte Beatrice eine Brille aufsetzte und wieder herunternahm von der Nase. 4:09 37:21
CD 7 Siebtes Kapitel
Wie einem jungen artigen Menschen auf dem »Caffé greco« abscheuliche Dinge zugemutet wurden, ein Impresario Reue empfand und ein Schauspielermodell an Trauerspielen des Abbate Chiari starb. - 8:22
Chronischer Dualismus und der Doppelprinz, der in die Quere dachte. - 17:09
Wie jemand eines Augenübels halber verkehrt sah, sein Land verlor und nicht spazierenging. - Zank, Streit und Trennung. 9:14
Achtes Kapitel 5:26
Wie der Prinz Cornelio Chiapperi sich nicht trösten konnte, der Prinzessin Brambilla Samtpantoffel küßte, beide dann aber eingefangen wurden in Filet - 5:26
Neue Wunder des Palastes Pistoja. - Wie zwei Zauberer auf Straußen durch den Urdarsee ritten und Platz nahmen in der Lotoshlume. - Die Königin Mystilis. - 8:07
Wie bekannte Leute wieder auftreten und das Capriccio, Prinzessin Brambilla genannt, ein fröhliches Ende erreicht 12:33 62:07

Im Herbst 1820 erschien das »Capriccio nach Jakob Callot«. Der phantasiebegabte Autor schuf ein Märchen mit »Seele«, die es »durch die aus irgendeiner philosophischen Ansicht des Lebens geschöpfte Hauptidee erhält«. Als Idee und Anlass könnte das Geburtstagsgeschenk des Arztes und Serapionsbruder Johann Ferdinand Koreff stehen, der dem Dichter am 24. Januar 1820 eine Mappe mit Kupferstichen des lothringischen Graphikers Jacques Callot (1592-1635) überreichte. dabei handelte es um die um im Jahr 1622 entstandene Szenenfolge »Balli di Sfessania«, in der auf vierundzwanzig Blättern im Format von 73 x 93 mm jeweils zwei kostümierte Komödianten in tänzerischer Pose dargestellt sind. Hoffmann sah in diesen anmutigen Bildern Figuren der von Carlo Graf Gozzi wiederbelebten Commedia dell'arte, während die Darstellung sich auf Masken der italienischen Stegreifkomödie Ende des 16. Jahrhunderts dargestellt sind.
Aus Hoffmanns Hand stammten bereits die »Fanatasiestücke in Callots Manier«; man kann davon ausgehen, dass Hoffmanns Phantasie von den fantastischen Blättern des Callotschen »Capriccio« sehr stark angeregt wurde. Die Faszination der nun in seinen Besitz gelangten Callotschen Radierungen ging so weit, dass Hoffmann sich mit dem Gedanken einer Poetisierung dieser Bilder trug.
Mit dem Jahr 1819 war Hoffmann zum Mitglied der »Immediatkommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe« bestellt worden, dem die Verfolgung aller demokratischer Bestrebungen als langer Arm der reaktionären Herrschaft des Habsburger Hofes oblag. Am 6. September 1820 beschrieb er dem Verleger Georg Reimer diese berufliche Inanspruchnahme als ein Hemmnis, das ihm »alle Muße und, was noch schlimmer ist, alle Lust zum Schriftstellern raubte«. Über die zeitweilige Resignation halfen dem Dichter die Callotschen Blätter hinweg. Mit Hilfe der von ihnen ausgehenden Inspiration gelang es ihm, das schon im Frühjahr entworfene Maskenspiel in Form eines »tollen« Märchens mit Beginn des Sommers »zur Ausführung zu bringen« und - alle obengenannten literarischen Vorhaben vernachlässigend - die Reinschrift im September 1820 zu beenden. Es war für ihn die »Befreiung durch das Lachen«, eine wieder einsetzende »hochgespannte dichterische Lust am Fabulieren«.
Das Doppelgängermotiv in »Prinzessin Brambilla«ist sowohl in Hoffmanns Tagebüchern zu finden sowie in Variationen aus anderen Dichtungen seiner Hand bekannt. Die Vorstellung der Vervielfältigung seines Ichs spiegelt sich in der Figurenwelt des Capriccios wider. Für die unter Mitwirkung ihrer Phantasie mitten ins Alltagsleben versetzten Akteure der Stegreifkomödie wird die Verdoppelung zur Enthüllung ihrer wahren künstlerischen Berufung. Das Liebespaar erwacht aus seiner »Betäubung« zur »ganzen Fülle des Daseins«, und beide vermögen über Schein und Sein in Theaterrolle und Leben befreiend zu lachen. In diesem im Werk des Dichters einzigartigen Märchen ist die romantische Ironie mit Hilfe des »humoristischen Prinzips« anzutreffen mit grundlegenden Äußerungen zur ästhetischen Funktion des Humors. Eine poetische Selbstbefreiung ist im Zweikampf enthalten, bei dem Giglios zweites humoristisches Ich dem »vertheaterten« Selbst den Garaus macht und als Pappendeckelfigur beerdigt wird, in dessen Innerem Tragödien vorgefunden werden, die den Tod letztendlich verursacht haben. Hoffmann entnahm zur Schilderung dieses Fechtkampfes einige Stellen aus Fouqués Erzählung »Die beiden Hauptleute« als Parodie. Hoffmann schrieb am 21. Mai 1820 dem in Leipzig lebenden Schriftsteller und Privatgelehrten Adolph Wagner, der sich bereit erklärt hatte, das Lesen der Korrekturen mit Beginn des Fünften Kapitels zu besorgen: »Aber Freund, was halten Sie von dem tollen Capriccio? - Es sollte nach der Anlage das kühnste meiner Märchen werden, aber du lieber Gott! - Sie wissen ja, daß es vermöge angeborner Schwäche, sich alles Irdischen zu begeben, [geschehen kann,] daß man bei dem stärksten Anlauf statt recht hoch zu springen, auf die Nase fällt! - Daß Sie mich verstehen, daß Sie wissen, wo es hinaus will, nachdem Sie die Geschichte von dem Könige Ophioch und der Königin Liris gelesen, das weiß ich, aber wird es andern nicht ein toller Mischmasch scheinen? - Beim Schluß des Werks schreiben Sie mir einige Worte, vielleicht des Trostes, darüber! - Soviel nur noch, daß die Callotschen Bilderchen allerliebst ausfallen werden - Ich lege für Sie eins bei, obgleich es zerknittert ist und einen Tintenklecks hat -«
Für die Illustration des Buches hatte Hoffmann zu jedem Kapitel eine Radierung aus den »Balli di Sfessania« ausgewählt, die er von dem Berliner Kupferstecher Carl Friedrich Thiele nach den von ihm selbst besorgten Vorlagen, bei denen die jeweiligen Volksszenen im Hintergrund weggelassen sind, nacharbeiten ließ.

Heinrich Heine begrüßt das Werk in seinen »Briefen aus Berlin« wohl als einziger zusammen mit einer Würdigung anderer Dichtungen Hoffmanns in knappen, doch beinahe enthusiastischen Worten: »Aber ,Prinzessin Brambilla’ ist eine gar köstliche Schöne, und wem diese durch ihre Wunderlichkeit nicht den Kopf schwindlicht macht, der hat gar keinen Kopf. Hoffmann ist ganz original ...» (Dritter Brief, 7. Juni 1822.) -
Willibald Alexis bewertet das Märchen zurückhaltender: »Wenn wir ihr [der Märchendichtung] auch nicht den Wert beilegen können, welchen einige junge Freunde des Verewigten ihr zuschrieben, welche, von naturphilosophischen Ansichten ausgehend, mehr in Hoffmanns Dichtungen suchten, als der Dichter je darin niederzulegen geträumt hatte, so müssen wir doch anerkennen, daß es eines der launigsten und ein höchst zart dargestelltes Märchen in niederer Region und bei weitem dem letzten Produkte des Dichters, dem ,Meister Floh’, vorzuziehen ist.« (Aufsatz »Zur Beurteilung Hoffmanns als Dichter«, erschienen in »Aus Hoffmanns Leben und Nachlaß«, 1823, Zweiter Teil, S. 356 f.)
Der Rezensent des »Morgenblattes für gebildete Stände schreibt Anfang November 1820 in der Beilage »Intelligenzblatt, Nr. 42«: »Die Lesewelt erhält hier die abenteuerlichste aller Geschichten ... Wer willig und bereit ist, auf einige Stunden dem Ernst zu entsagen ..., dem öffnet sich in diesem Capriccio eine Fundgrube des ergötzlichsten Spottes, der treffendsten Ironie, der freiesten Laune.« Das gelte in besonderer Weise auch für die Binnenerzählung »von dem melancholischen Könige Ophioch und der leichtfertigen Königin Liris«, die als »Intermezzo dem allerwunderbarsten Märchen ... eingeschaltet und so verflochten sei.«