Nachtstücke

Erster Band


Kassette mit 6 CD und 48seitigem Beiheft
zum Preis von € 40,75 - Nicht mehr lieferbar.

Der Sandmann
CD 1 Nathanael an Lothar
 - Die Geschichte vom Sandmann 6:43
 - Der Advokat Coppelius 8:00
 - Tod des Vaters - Der Wunsch nach Rache 5:50
Clara an Nathanael 8:15
Nathanael an Lothar 4:11 35:10
CD 2 An den Leser 9:46
Der Streit mit Clara 11:13
Das Perspektiv 9:28
Die Einladung zum Ball 8:27
Olimpia 8:22
Der Automat 7:39
»Feuerkreis, dreh dich« 6:49 61:44
Ignaz Denner
CD 1 Giorgina und Andres 4:57
Der Fremde 9:36
Das Kistchen 11:55
Andres im Wohlstand 10:32
Nächtliches Abenteuer 7:09
Der Überfall auf den Pachter 9:22
Denner kehrt wieder 10:28
Die Räuberbande im Hause 12:49 77:48
CD 2 Andres vor Gericht 8:52
Die Folter 8:38
Die Hinrichtung 9:22
Merkwürdige Umstände 12:16
Trabacchio und Ignaz Denner 10:31
Der reuige Trabacchio 8:21
Der böse Kumpan 9:37 67:37
Die Jesuiterkirche in G.
Einleitung 2:57
In der Kirche 7:41
Als wackerer Gehülfe 8:00
Der Maler bei der Arbeit 6:11
Das Gemälde 9:05
Die Studien in Italien 10:47
Das Landschaftsbild 7:50
Die Künstlerweihe 7:05
Revolution in Neapel 6:23
Die Krisis 4:05
Die Reue 3:59 78:04
Das Sanctus
Doktor und Kapellmeister 5:06
Der reisende Enthusiast 5:51
Die Hexerei 6:45
Zulema 7:06
Der wahnsinnige Mohr 5:19
Der mohrische Ritter 6:48
Die Heilung 5:32 48:22

Schon während der Arbeiten am Roman »Die Elixiere des Teufels«, der im Mai 1816 im Verlag Duncker & Humblot erschien, hat Hoffmann diese Sammlung von Erzählungen geplant und Vorbereitungen dazu getroffen. Nach der Wiederaufnahme der juristischen Tätigkeit am Berliner Kammergericht im Jahre 1814 blieb sein Tagebuch ab dem Jahre 1815 leer; Briefzeugnisse zur Enstehung seines literarischen Werks sind äußerst spärlich überliefert. Von dieser Seite stehen also keine Selbstdarstellungen des Verfassers über die Entstehungsgeschichte der »Nachtstücke« zur Verfügung.
Am 24. November 1815 schrieb Hoffmann, nachdem Carl Friedrich Kunz, der Verleger der »Fantasiestücke«, das Projekt offenbar bereits abgelehnt hatte, an den Verlagsbuchhändler Georg Reimer, den derzeitigen Inhaber der Berliner Realschulbuchhandlung, mit dem er durch seinen Freund und Berufskollegen Julius Eduard Hitzig bekannt geworden war: »So wie mir Hitzig sagt, würden Ew. Wohlgeboren vielleicht geneigt sein, ein Bändchen Erzählungen unter dem allgemeinen Titel ,Nachtstücke’ herausgegeben von dem Verfasser der »Fant[asie]st[ücke] in Call[ots] Man[ier]« in Verlag zu nehmen, und unter dieser Voraussetzung bin ich so frei, Ihnen die erste jener Erzählungen: ,Der Sandmann’, zu gütiger Durchsicht mit dem Bemerken zuzusenden, daß die zweite: ,Der Revierjäger’, auch bereits vollendet sowie ein Zyklus von vier kleinen Erzählungen, der den Band schließen sollte, skizziert ist. - Den Band würde ich nach dem Druck, wie er in den ,Elixieren des Teufels’ stattfindet, auf 24 Druckbogen berechnen, und im Fall Ew. Wohlgeboren das Werkchen in Verlag nehmen wollten, könnte der Druck alsbald beginnen, und würde ich es Ihnen ganz überlassen, inwiefern Sie die jetzi[gen] ,Nachtstücke' als erstes Bändchen abdrucken und dann in der Folge es darauf ankommen lassen wollten, inwiefern es rätlich sei, noch ein zweites folgen zu lassen. Rücksichts des Honorars hoffe ich mit Ew. Wohlgeboren mich sehr leicht zu einigen, da mir Ihre Gesinnungen bekannt sind. ...«
Zu diesem Zeitpunkt hatte Hoffmann die allgemeine Idee einer neuen Sammlung von Erzählungen in Angriff genommen und den Titel bestimmt; jedoch gab es noch keine Fassung, die für den Satz herangezogen werden konnte. Das Wort »Stücke« gebrauchte Hoffmann in beiden Fällen als Synonym für »Gemälde«. Unter »Nachtstücken« versteht man in der europäischen Malerei des 18. Jahrhunderts Gemälde oder Graphiken mit abgründigen Motiven, also nicht in der Malerei nächtlicher Szenen, hell-dunkel-kontrastige Motive, Mondscheinlandschaften oder Interieurs mit künstlicher Beleuchtung. Hierunter fielen die Höllen- und Spukszenen, wie sie etwa auf den Bildern des Holländers Pieter Bruegel des Jüngeren (um 1564-1638) genannt »Höllen-Bruegel«, des Hieronymus Bosch ,van Aken’ (1460 - 1169) und des Italieners Salvator Rosa (1615-1673) zu sehen sind.
Das erste Stück: »Der Sandmann« ist im direkten Sinn ein »Nachtstück«, da es der Dichter, wie viele seiner Werke, zu nächtlicher Zeit niedergeschrieben hat. Im Brief an den Verleger Reimer nennt Hoffmann als zweites Stück den »Revierjäger« und erwähnt einen »Zyklus von vier kleinen Erzählungen, der den Band schließen sollte«, an dessen Stelle aber schließlich zwei rasch hintereinander verfasste größere Erzählungen traten: »Die Jesuiterkirche in G.« und »Das Sanctus«.
Die ursprünglich für die »Fantasiestücke« vorgesehene »Geistergeschichte« »Der Revierjäger«, die der Bamberger Verleger Kunz seinerzeit abgelehnt und zurückgeschickt hatte, wurde parallel zu den Neuschöpfungen umgearbeitet. Sie erhielt unmittelbar vor der Veröffentlichung die auf den Rahmentitel »Nachtstücke« deutlicher Bezug nehmende Überschrift »Ignaz Denner« - den Namen des gespenstischen Räubers, der damit in der veränderten Fassung stärker als der Revierförster in den Vordergrund tritt.
Dass die Arbeiten zeitlich dicht beieinanderlagen und Hoffmann von Reimer, der inzwischen die Verlagsrechte erworben hatte, unter Zeitdruck beim Wort genommen wurde, wird ersichtlich aus einem Brief an den Verleger vom 9. Februar 1816: »Ew. Wohlgeboren haben heute früh, als ich noch im Bette lag, zu mir geschickt, wahrscheinlich um sich nach dem Manuskript der ,Nachtstücke’ erkundigen zu lassen, und ich muß recht sehr bitten, es gütigst zu entschuldigen, daß ich nicht schon längst selbst mit Ew. Wohlgeboren darüber gesprochen habe. Bloß Dienstgeschäfte, vorzüglich aber daß ich außer der Oper ,Undine’ noch eine andere Komposition für das Theater schnell vollenden mußte, haben die Bearbeitung der Nachtstücke’ verzögert, jetzt aber arbeite ich schon seit etlichen Tagen unausgesetzt daran, so daß ich den ,Revierjäger’ in ein paar Tagen, die beiden übrigen Erzählungen, die schon längst entworfen sind und nur der Feile bedürfen, bis zum Ende dieses Monats bestimmt abliefern werde. Sehr lieb würde es mir sein, wenn die Korrektur in Leipzig meinem Freunde, dem Doktor Adolph Wagner, übertragen werden könnte...«
Hoffmann sandte das Restmanuskript zum ersten Band - entgegen der Vereinbarung mit Reimer - erst im September an den Verlag, so dass das Buch erst zur Michaelismesse 1816 (mit der Jahreszahl 1817 auf dem Haupttitel) erscheinen konnte, obwohl es in der »Zeitung für die elegante Welt« vom 29. April (»Bücherverzeichnis von der Ostermesse dieses Jahres«) bereits für Ostern angekündigt worden war. Bei der Gestaltung der psychologischen Komponenten stützte sich der Dichter auf die ihm zugängliche medizinische Fachliteratur, besonders auf Johann Christian Reils »Rhapsodien über die Anwendung der psychischen Kurmethode auf Geisteszerrüttungen« (Halle 1803), Karl Alexander Ferdinand Kluges »Versuch einer Darstellung des animalischen Magnetismus als Heilmittel« (Berlin 1811), Ernst Daniel August Bartels »Grundzüge einer Physiologie und hysik des animalischen Magnetismus« (Frankfurt a. M. 1812) sowie Philippe Pinels »Traité medico-philosophique sur aliénation mentale ou la manie« (Paris 1801; Medizinisch-philosophische Abhandlung über die Geisteszerrüttung oder den Wahnsinn).

                                                Rezeption

Die »Fantasiestücke« fanden unmittelbar nach ihrem Erscheinen in den zeitgenössischen Journalen eine starke Resonanz. Willibald Alexis bemerkte, dass sie »Begeisterung und Unwillen, beide mit gleichem Feuer aufgetragen«, und schließlich »den verdienten Beifall« erworben hatten. Im Gegensatz dazu blieb das Erscheinen der »Nachtstücke« von den Kritikern fast unbeachtet. Die führenden Literaturblätter widmeten der Neuerscheinung des inzwischen allgemein bekannten Autors keine Aufmerksamkeit. Der Titel brachte auch nicht das »große Publikum«. Jedenfalls wurde das Buch zu Lebzeiten des Dichters nicht wieder aufgelegt. Eine der wenigen nennenswerten Kritiken findet sich in der »Allgemeinen Literaturzeitung« (Nr. 179) vom Juli 1817. Darin wirft der anonyme Rezensent gleich einleitend Hoffmann und Fouqué die gemeinsame Absicht vor, »das in der Tat zu ungläubig gewordene Publikum durch irgendeinen geisterhaften Spuk zu schrecken«.
Deshalb seien Fouqué »die Visionärs so notwendig« als Hoffmann »die einfältiglichen guten Seelen, die der Teufel zu berücken sucht«. Allerdings seien die Hoffmannschen »Geister« »weniger einförmig, weil es poetischer scheint, seinen Geist mit Hülfe der Einbildungskraft seiner Leser entstehen zu lassen, wenn es sich nur sonst der Verfasser damit nicht zu leicht macht (wie in Nr. 1 mit der Puppe Olimpia freilich geschieht), als den Glauben an die Unholde vorauszusetzen, wie Herr Baron von Fouqué fast immer tut, um seine fertigen Puppen aus der poetischen Polterkammer hervorzuholen«.
Im folgenden charakterisiert der Rezensent Hoffmanns poetische Gestalten und äußert sich zum Verhältnis von Phantasie und Wirklichkeit in den »Nachtstücken« »Ja, unserm Verfasser kommt es selbst zustatten, daß, wo ihm sein Schöpfungswerk auch weniger gelingen möchte, er immer noch seine Kobolde als Hirngespinste seines Helden, der entweder krank oder enthusiasmiert oder beides ist, mit Ehren aufführen darf; dazu erheitert meistens eine joviale Ironie die schauerlichen Skizzen unsers Verfassers, die uns auf seinem Standpunkte Phantasiewelt und Wirklichkeit als zwei Hälften einer Kugel erscheinen läßt, von denen bald die eine, bald die andere beleuchtet oder beschattet ist, weshalb auch jene oft als ein Gesicht unschädlicher Schwärmerei, letztere als mühseliges Schattenleben erscheint, das sich durch seinen Ernst selbst vernichtet. Indessen kann nicht geleugnet werden, daß diese Ironie zuweilen auch etwas grell eintritt, besonders da, wo das Geistersehen seiner Personen in ein unwillkürliches Phantasieren übergeht, und man muß gestehen, daß, wenn bei Ermangelung jener Ironie Fouqués Geisterspiele (den wir übrigens nur in dem angeführten Gesichtspunkte mit unserm Verfasser vergleichen wollen) weit schwerfälliger sind und sich in ihrer einförmigen Manier zuweilen selbst zu parodieren scheinen, sie doch von der andern Seite mehr Gemüt verraten als die kecken Phantasiespiele unsers Verfassers.«
»I. ,Der Sandmann’. Ein schauderhaftes Nachtstück. Die Schwärmerei und Geisterfurcht endet hier in selbstvernichtender Verrückung. Wenn solche Geisterseherei ansteckend ist, so sollte man daher ja wohl den Geistesschwachen und Überreizbaren des Verfassers Schriften aus den Händen reißen. Hier überschreitet der gräßliche Ernst die Grenze der Dichtung, und einige ironische Blicke..., können die schauerlichen Farben nicht dämpfen, die der Verfasser aufgetragen hat. Neu und fürchterlich ist die Situation auf dem Turme, man betrachtet sie mit dem schauerlichen Gelüst, das einen auf so hohen Orten leicht befällt, sich durch den unermeßlichen Raum zu stürzen. Aber es ließe sich fragen: Darf der Dichter seine Menschen schaffen, um sie zu vernichten? Wo aber keine höhere Ansicht über die vernichtete Hoheit des Menschen tröstet und, wie hier, der durch Phantasie Gefallene von der Phantasie dem nüchternen Verstande zum kalten Bedauern überlassen wird, da scheint uns vielmehr eine unreine Vermischung als ein poetisches Ineinanderspielen der Phantasie und Wirklichkeit vorgegangen zu sein. Übrigens ist es dem Erzähler auch etwas schwer geworden, in den Anfang der Geschichte hineinzukommen, weshalb auch das Folgende gelungene Parodie ist ... -
II. ,Ignaz Denner'. Eine etwas gedehnte Räubergeschichte, wobei man sich erinnert, ähnliches schon gehört oder gelesen zu haben, Zwar ist auch hier ein unbekannter Fremder, der mit Teufelskünsten wirkt, aber überhaupt weniger Geisterspuk in dieser Erzählung als in andern des Verfassers. Von dem Augenblicke aber, daß man jenen als Räuber kennenlernt, verliert sich das Interesse immer mehr, und man ist gefaßt, daß es auf die begonnene Weise in infinitum fortgehen könne. Überhaupt glaubt Rezensent hier zu bemerken, daß, wo einmal der Verfasser seine Geister spart und der schlichten Wirklichkeit nachzuerzählen scheint, er auch in dem Maße gewöhnlich wird. -
III. ,Die Jesuiterkirche in G.’ Eine sehr interessante Schilderung in der kecken Art, die dem Verfasser vorzüglich gelingt. Der Maler Berthold, dessen zerstörtes Wesen selbst die Züge höherer Abkunft und die Spuren einer edlen Kraft verkündet, die von dem geheimen Bewußtsein seiner Schuld zu Boden gedrückt wird, ist ein schreckendes Bild des Künstlers, der, in dem Genuß des Irdischen verloren, des freien Schwungs zum Himmel verlustig und von dem schweren Gewicht der Schuld, die den innern Zwiespalt erzeugt, zur Gewöhnlichkeit herabgezogen wird. Noch befriedigender würde diese Erzählung sein, wenn sie noch tiefer entwickelte, wie Angiolina, die früher Angebetete, diesem Berthold immer mehr verhaßt geworden, und wenn sie nicht so unbedeutend endigte. Aber der Verfasser liebt es, wenn er das Interesse seiner Leser auf einen hohen Punkt gespannt hat, sie gleichsam neckend wieder fahrenzulassen, indem er ihnen mit einigen dürftigen Worten verkündet, er habe von seiner Person nur wenig wieder gehört. Hinter eine solche Manier lassen sich manche Verlegenheiten und Nachlässigkeiten verbergen, und mancher Leser, dessen Phantasie noch einige Zeit fortschwingt, glaubt am Ende, der Verfasser habe ihm schweigend genug gesagt; indessen glaubt Rezensent, der ein beredtes Stillschweigen wohl zu schätzen weiß, hier doch bekennen zu müssen, daß eine Erzählung, die sich am Eingange umständlich ausbreitet und bei ihrer Lösung die Phantasie der Leser stillschweigend in Anspruch nimmt, sich verhält wie ein breiter Rumpf auf kleinen dünnen Beinen ... -
IV. ,Das Sanctus'. Die gemeine Konversation ist die Klippe des Musikers und seiner Kunst; dies wird durch zwei ineinander verwebte Erzählungen auf eine gleichsam allegorische Weise anschaulich, in welchen die Schilderung des Zustandes einer Sängerin, die das zum Lobe des Heiligen verliehene, durch weltlichen Gebrauch entweihte Organ urplötzlich verliert ..., besonders originell ist. Ist es nicht, sagt der Verfasser..., ein wahres Unglück, daß die hochheilige Musik ein integrierender Teil unserer Konversation geworden ist...« - wozu der Rezensent bemerkt: »Doch hat man auch zu bedenken, wie viel unsere Konversation noch durch Musik gewinnt und daß doch beides zuletzt auf den Menschen bezogen werden muß, von dem es ausgeht...«
Der Pädagoge und Literaturkritiker Konrad Schwenk verreißt die »Nachtstücke« in »Hermes oder Kritisches Jahrbuch der Literatur« (Drittes Stück für das Jahr 1813) »worin Erzählungen sind, so platt, als es welche geben kann, die freilich ,Nachtstücke' sind, da sie sich bei Tag nicht wohl dürfen sehen lassen, und wo alles schwarz angestrichen ist und grell abstechend zinnoberrote Teufel draufgemalt sind, den Leser zu erschrecken ...
I. Die erste Rauchsäule, der wir hier begegnen. ist ,Der Sandmann’ ... Wo soll nun das Schreckhafte, Geisterartige in dieser Erzählung liegen? Das einzige, was einen Sinn in diese Darstellung brächte, wäre, daß sich die Anschauung daraus ergäbe, wie ein reizbares Gemüt durch das Einwirken eines ihm feindlichen nach und nach könne verstrickt und zugrunde gerichtet werden. Hier ist aber die Darstellung so ungeschickt und trotz aller groben Pinselstriche so matt, daß kein Interesse, kein Leben sichtbar ist. Denn eine solche Anwendung eines Automats vermag nicht die Wirkung hervorzubringen. Um sich in dasselbe zu verlieben und längere Zeit in seiner Gesellschaft getäuscht zu leben, muß ... schon ein Grad von Verrücktheit stattfinden, der fürs Irrenhaus, nicht für die Poesie paßt... Kurz, der Wahnsinn des Studenten, die Wirkung des Wetterglashändlers, die Liebe zu dem Automaten sind durchaus nicht motiviert; die letztere drängt sich als lächerlich und unglaublich zugleich auf. Kurz, es fliegen hier einige Fratzen dem Auge vorüber, ohne daß sich eine Bedeutung ergäbe, die durchaus in Nathanaels Gemüt tief begründet erscheinen müßte, nicht aber als bloße Kränklichkeit, die nur medizinisches Mitleid erweckt und eine scheußliche Beleidigung des Gefühls durch die Roheit des Advokaten, einen nervenschwachen Menschen zum Narren zu machen, mit sich führt. Denn daß derselbe hier etwas mit seinem widerlichen Gesicht ins Dunkel gestellt wird, fast als gebiete er über dunkle Naturkräfte, kann nichts motivieren, da dergleichen eine leere Erfindung wäre, was der Dichter auch selbst mag gefühlt haben. ... Auch er kann keineswegs an unbedingte Herrschaft eines geistigen Prinzips über das andre glauben, sondern will vielmehr annehmen, daß irgendeine Abhängigkeit, Schwäche des innern Willens oder eine Wechselwirkung stattfinden müsse, die jener Herrschaft Raum gibt. Aus welchem Gesichtspunkte man daher auch Coppelius' Verhältnis zu Nathanael betrachten mag, nirgends zeigt sich eine wahrhaft begründete Einwirkung, die so Schreckliches hervorbringen könnte. -
II. Über die zweite Erzählung: ,Ignaz Denner’ muß man erstaunen. Man hatte von einem geistreichen Dichter eine solche gemeine Räuber-, Teufel-Spektakelgeschichte nicht erwartet. Jägerhaus im Walde, Räuberei, Teufelskünste in Neapel, wo der böse Feind als Hahn auftritt, das sind die Ingredienzien zu dieser lamentabeln, langweiligen Geschichte, deren Porträt zu entwerfen überflüssig, ja gehässig ist, da man wohl sagen könnte mit dem griechischen Epigramm: Es ist schon an einem zuviel, was braucht man gar zwei? Dergleichen Gesindel, als hierin spukt, knüpfe man auf, beschreibe aber nicht ein langes und breites daran. -
III. ,Die Jesuiterkirche in G.’ Maler Berthold ringt nach dem Kunstideal; es erscheint ihm in der holden Angiola. Als er jedoch zu ihrem Besitz gelangt ist, verschwindet das Ideal aus seinem Innern, und trostlose Zerrissenheit quält und martert seine Seele. In dieser traurigen Stimmung malt er in jener Kirche. - Diese Erzählung soll zur Anschauung bringen, daß der Künstler nicht das ihm erscheinende Ideal im Leben heiraten dürfe, weil die an das Weib geknüpfte Idee bei dem Besitze desselben schwinde... In unsers Dichters Darstellung herrscht demnach ein zwiefacher Irrtum: der erste, daß er vorgibt, das durch ein Ideal geweckte oder in ihm zu erst aufgegangene Kunstvermögen hänge auch immer davon ab und sei nicht vielmehr eine Kraft, die, eingeboren, einmal aus ihrem Schlummer geweckt, in die Reihe der selbständigen Vermögen und Naturkräfte tritt; der zweite, daß er in diesem Punkte die wahre Liebe mit einer Täuschung der Phantasie verwechselt; denn erstere kann nicht durch den Besitz zerstört werden, letztere aber wohl. -
IV. ,Das Sanctus’... Auch diese Idee ist in jener süßlich-frömmelnden Manier, an der Fouqués Dichtung zuletzt unselig erkrankt ist, überspannt, und man sollte diese Manier billig allein Franz Horn für seine manierierten, steifen, verschrobenen Automaten, die er unter dem Namen Dichtungen herausgibt, lassen. Dies ist eine Spielerei mit dem Heiligen, die nicht aus dem Herzen kommt. ... Die Innigkeit des Gefühls, die im Gesange sich ausdrückte, kann durch einen innern Sündenfall leiden und zu einer eiteln, nach leerem Prunk haschenden Manier werden; aber was soll für Schönheit darin liegen, dies so weit zu treiben und vorzugeben, es finde ein solches Befangensein statt, daß die Stimme überhaupt versage? ... Als Allegorie fehlt die Wahrheit und das Einleuchtende ...«