Der Sandmann


Jewel-Box mit 2 CD und 16seitigem Beiheft
zum Preis von € 13,25 - Nicht mehr lieferbar.

Nathanael an Lothar
 - Die Geschichte vom Sandmann 6:43
 - Der Advokat Coppelius 8:00
 - Tod des Vaters - Der Wunsch nach Rache 5:50
Clara an Nathanael 8:15
Nathanael an Lothar 4:11 35:10
An den Leser 9:46
Der Streit mit Clara 11:13
Das Perspektiv 9:28
Die Einladung zum Ball 8:27
Olimpia 8:22
Der Automat 7:39
»Feuerkreis, dreh dich« 6:49 61:44

                                          Entstehungsgeschichte

Schon während der Arbeiten am Roman »Die Elixiere des Teufels«, der im Mai 1816 im Verlag Duncker & Humblot erschien, hat Hoffmann diese Sammlung von Erzählungen geplant und Vorbereitungen dazu getroffen. Nach der Wiederaufnahme der juristischen Tätigkeit am Berliner Kammergericht im Jahre 1814 blieb sein Tagebuch ab dem Jahre 1815 leer; Briefzeugnisse zur Entstehung seines literarischen Werks sind äußerst spärlich überliefert. Von dieser Seite stehen also keine Selbstdarstellungen des Verfassers über die Entstehungsgeschichte der »Nachtstücke« zur Verfügung.
Am 24. November 1815 schrieb Hoffmann, nachdem Carl Friedrich Kunz, der Verleger der »Fantasiestücke«, das Projekt offenbar bereits abgelehnt hatte, an den Verlagsbuchhändler Georg Reimer, den derzeitigen Inhaber der Berliner Realschulbuchhandlung, mit dem er durch seinen Freund und Berufskollegen Julius Eduard Hitzig bekannt geworden war: »So wie mir Hitzig sagt, würden Ew. Wohlgeboren vielleicht geneigt sein, ein Bändchen Erzählungen unter dem allgemeinen Titel ,Nachtstücke’ herausgegeben von dem Verfasser der »Fant[asie]st[ücke] in Call[ots] Man[ier]« in Verlag zu nehmen, und unter dieser Voraussetzung bin ich so frei, Ihnen die erste jener Erzählungen: ,Der Sandmann’, zu gütiger Durchsicht mit dem Bemerken zuzusenden, daß die zweite: ,Der Revierjäger’, auch bereits vollendet sowie ein Zyklus von vier kleinen Erzählungen, der den Band schließen sollte, skizziert ist. - Den Band würde ich nach dem Druck, wie er in den ,Elixieren des Teufels’ stattfindet, auf 24 Druckbogen berechnen, und im Fall Ew. Wohlgeboren das Werkchen in Verlag nehmen wollten, könnte der Druck alsbald beginnen, und würde ich es Ihnen ganz überlassen, inwiefern Sie die jetzi[gen] ,Nachtstücke' als erstes Bändchen abdrucken und dann in der Folge es darauf ankommen lassen wollten, inwiefern es rätlich sei, noch ein zweites folgen zu lassen. Rücksichts des Honorars hoffe ich mit Ew. Wohlgeboren mich sehr leicht zu einigen, da mir Ihre Gesinnungen bekannt sind. ...«
Zu diesem Zeitpunkt hatte Hoffmann die allgemeine Idee einer neuen Sammlung von Erzählungen in Angriff genommen und den Titel bestimmt; es gab es noch keine Fassung, die für den Satz herangezogen werden konnte. Das Wort »Stücke« gebrauchte Hoffmann in beiden Fällen als Synonym für »Gemälde«. Unter »Nachtstücken« versteht man in der europäischen Malerei des 18. Jahrhunderts Gemälde oder Graphiken mit abgründigen Motiven, also nicht in der Malerei nächtlicher Szenen, hell-dunkel-kontrastige Motive, Mondscheinlandschaften oder Interieurs mit künstlicher Beleuchtung. Hierunter fielen die Höllen- und Spukszenen, wie sie etwa auf den Bildern des Holländers Pieter Bruegel des Jüngeren (um 1564-1638) genannt »Höllen-Bruegel«, des Hieronymus Bosch ,van Aken’ (1460 - 1169) und des Italieners Salvator Rosa (1615-1673) zu sehen sind.
Das erste Stück: »Der Sandmann« ist im direkten Sinn ein »Nachtstück«, da es der Dichter, wie viele seiner Werke, zu nächtlicher Zeit niedergeschrieben hat. Von der ersten Erzählung der »Nachtstücke« ist ein zweiunddreißig Seiten umfassendes Originalmanuskript in der Handschrift des Verfassers überliefen, das den Vermerk trägt: »d. 16. November 1815, nachts 1 Uhr«. Es wurde von dem Hoffmann-Forscher Hans von Müller im Nachlass Julius Eduard Hitzigs entdeckt und dem Märkischen Provinzialmuseum Berlin (Vorläufer des 1908 eröffneten Märkischen Museums) zugeleitet. Das Dokument stellt eine Frühfassung der Novelle dar: Die flüchtige Schreibart, umständliche Satzperioden, zahlreiche Abkürzungen und Korrekturen zeugen von der Unmittelbarkeit des dichterischen Einfalls, aber auch inhaltliche Varianten verdeutlichen den Entwurfscharakter der Handschrift. Eine ursprünglich enthaltene Episode, worin der unheimliche Coppelius aus Rache Nathanaels kleine Schwester auf magische Weise zum Erblinden bringt und in den Tod treibt, hat Hoffmann bei der Überarbeitung des Textes für die Druckfassung 1816 eliminiert, weil die Übersteigerung des Grausigen die künstlerische Wirkung der Geschichte beeinträchtigt hätte, während er in der Turmszene am Schluss der Erzählung den Selbstmord Nathanaels - über das Gespenstische hinaus - deutlicher psychologisch motivierte (als Akt des wiederausgebrochenen Wahnsinns). Überdies ist die endgültige Fassung stilistisch sorgfältig durchgesehen worden.
Als literarische Quellen für das Motiv der als lebendes Wesen angesehenen automatischen Puppe Olimpia mögen Hoffmann neben alten Anekdotenbüchern die Märchendramen des italienischen Dichters Carlo Gozzi, Goethes dramatische Parodie »Triumph der Empfindsamkeit« (1787) und Jean Pauls satirische Schrift »Auswahl aus des Teufels Papieren« (1789) gedient haben. Die wesentlichen Anregungen jedoch bot das »tägliche Leben« - denn »Automate«, die den Menschen imitierten, waren gerade in Mode und hatten auch für Hoffmann große Anziehungskraft, dem das Mechanistische als Sinnbild für das konventionelle Scheinleben der Gesellschaft galt.
Als Vorbild für die Doppelgestalt Coppelius-Coppola wurde vielfach der Helmstedter Polyhistor und »Wundermann« Gottfried Christoph Beireis (1730-1809), ein »angestauntes Rätsel seiner Zeit«, in Erwägung gezogen; eine Randbemerkung in der Handschrift deutet jedoch hin auf eine der »königsbergschen Figuren, nach den in der ersten Jugendzeit erhaltenen Eindrücken aufgefaßt« (Hitzig).
Aus der psychiatrischen Fachliteratur der Zeit kommt in der »Sandmann«-Erzählung vor allem die von Hoffmann später in den »Serapionsbrüdern« (Band 1, Abschnitt 1) ausführlich erörterte These zur Geltung, dass »von fixen Ideen Befallene oft plötzlich in Tobsucht geraten und wie ein wütendes Tier alles um sich her morden«, wofür die einschlägigen Schriften von Philippe Pinel und Johann Christian Reil Beispiele bieten.
Bei der Gestaltung der psychologischen Komponenten stützte sich der Dichter auf die ihm zugängliche medizinische Fachliteratur, besonders auf Johann Christian Reils »Rhapsodien über die Anwendung der psychischen Kurmethode auf Geisteszerrüttungen« (Halle 1803), Karl Alexander Ferdinand Kluges »Versuch einer Darstellung des animalischen Magnetismus als Heilmittel« (Berlin 1811), Ernst Daniel August Bartels' »Grundzüge einer Physiologie und Physik des animalischen Magnetismus« (Frankfurt a. M. 1812) sowie Philippe Pinels »Traité medico-philosophique sur l'aliénation mentale ou la manie« (Paris 1801; Medizinisch-philosophische Abhandlung über die Geisteszerrüttung oder den Wahnsinn).

                                             Rezeption

Die »Fantasiestücke« fanden unmittelbar nach ihrem Erscheinen in den zeitgenössischen Journalen eine starke Resonanz. Willibald Alexis bemerkte, dass sie »Begeisterung und Unwillen, beide mit gleichem Feuer aufgetragen«, und schließlich »den verdienten Beifall« erworben hatten. Im Gegensatz dazu blieb das Erscheinen der »Nachtstücke« von den Kritikern fast unbeachtet. Die führenden Literaturblätter widmeten der Neuerscheinung des inzwischen allgemein bekannten Autors keine Aufmerksamkeit. Der Titel brachte auch nicht das »große Publikum«. Jedenfalls wurde das Buch zu Lebzeiten des Dichters nicht wieder aufgelegt.
Eine der wenigen nennenswerten Kritiken findet sich in der »Allgemeinen Literaturzeitung« (Nr. 179) vom Juli 1817. Darin wirft der anonyme Rezensent gleich einleitend Hoffmann und Fouqué die gemeinsame Absicht vor, »das in der Tat zu ungläubig gewordene Publikum durch irgendeinen geisterhaften Spuk zu schrecken«. Deshalb seien Fouqué »die Visionärs so notwendig« als Hoffmann »die einfältiglichen guten Seelen, die der Teufel zu berücken sucht«. Allerdings seien die Hoffmannschen »Geister« »weniger einförmig, weil es poetischer scheint, seinen Geist mit Hülfe der Einbildungskraft seiner Leser entstehen zu lassen, wenn es sich nur sonst der Verfasser damit nicht zu leicht macht (wie in Nr. 1 mit der Puppe Olimpia freilich geschieht), als den Glauben an die Unholde vorauszusetzen, wie Herr Baron von Fouqué fast immer tut, um seine fertigen Puppen aus der poetischen Polterkammer hervorzuholen«. Im folgenden charakterisiert der Rezensent Hoffmanns poetische Gestalten und äußert sich zum Verhältnis von Phantasie und Wirklichkeit in den »Nachtstücken« »Ja, unserm Verfasser kommt es selbst zustatten, daß, wo ihm sein Schöpfungswerk auch weniger gelingen möchte, er immer noch seine Kobolde als Hirngespinste seines Helden, der entweder krank oder enthusiasmiert oder beides ist, mit Ehren aufführen darf; dazu erheitert meistens eine joviale Ironie die schauerlichen Skizzen unsers Verfassers, die uns auf seinem Standpunkte Phantasiewelt und Wirklichkeit als zwei Hälften einer Kugel erscheinen läßt, von denen bald die eine, bald die andere beleuchtet oder beschattet ist, weshalb auch jene oft als ein Gesicht unschädlicher Schwärmerei, letztere als mühseliges Schattenleben erscheint, das sich durch seinen Ernst selbst vernichtet. Indessen kann nicht geleugnet werden, daß diese Ironie zuweilen auch etwas grell eintritt, besonders da, wo das Geistersehen seiner Personen in ein unwillkürliches Phantasieren übergeht, und man muß gestehen, daß, wenn bei Ermangelung jener Ironie Fouqués Geisterspiele (den wir übrigens nur in dem angeführten Gesichtspunkte mit unserm Verfasser vergleichen wollen) weit schwerfälliger sind und sich in ihrer einförmigen Manier zuweilen selbst zu parodieren scheinen, sie doch von der andern Seite mehr Gemüt verraten als die kecken Phantasiespiele unsers Verfassers.«
»I. ,Der Sandmann’. Ein schauderhaftes Nachtstück. Die Schwärmerei und Geisterfurcht endet hier in selbstvernichtender Verrückung. Wenn solche Geisterseherei ansteckend ist, so sollte man daher ja wohl den Geistesschwachen und Überreizbaren des Verfassers Schriften aus den Händen reißen. Hier überschreitet der gräßliche Ernst die Grenze der Dichtung, und einige ironische Blicke..., können die schauerlichen Farben nicht dämpfen, die der Verfasser aufgetragen hat. Neu und fürchterlich ist die Situation auf dem Turme, man betrachtet sie mit dem schauerlichen Gelüst, das einen auf so hohen Orten leicht befällt, sich durch den unermeßlichen Raum zu stürzen. Aber es ließe sich fragen: Darf der Dichter seine Menschen schaffen, um sie zu vernichten? Wo aber keine höhere Ansicht über die vernichtete Hoheit des Menschen tröstet und, wie hier, der durch Phantasie Gefallene von der Phantasie dem nüchternen Verstande zum kalten Bedauern überlassen wird, da scheint uns vielmehr eine unreine Vermischung als ein poetisches Ineinanderspielen der Phantasie und Wirklichkeit vorgegangen zu sein. Übrigens ist es dem Erzähler auch etwas schwer geworden, in den Anfang der Geschichte hineinzukommen, weshalb auch das Folgende gelungene Parodie ist ... -
Der Literaturkritiker Konrad Schwenk verreißt die »Nachtstücke« in »Hermes oder Kritisches Jahrbuch der Literatur« (Drittes Stück für das Jahr 1813) »worin Erzählungen sind, so platt, als es welche geben kann, die freilich ,Nachtstücke' sind, da sie sich bei Tag nicht wohl dürfen sehen lassen, und wo alles schwarz angestrichen ist und grell abstechend zinnoberrote Teufel draufgemalt sind, den Leser zu erschrecken ...
I. Die erste Rauchsäule, der wir hier begegnen. ist ,Der Sandmann’ ... Wo soll nun das Schreckhafte, Geisterartige in dieser Erzählung liegen? Das einzige, was einen Sinn in diese Darstellung brächte, wäre, daß sich die Anschauung daraus ergäbe, wie ein reizbares Gemüt durch das Einwirken eines ihm feindlichen nach und nach könne verstrickt und zugrunde gerichtet werden. Hier ist aber die Darstellung so ungeschickt und trotz aller groben Pinselstriche so matt, daß kein Interesse, kein Leben sichtbar ist. Denn eine solche Anwendung eines Automats vermag nicht die Wirkung hervorzubringen. Um sich in dasselbe zu verlieben und längere Zeit in seiner Gesellschaft getäuscht zu leben, muß ... schon ein Grad von Verrücktheit stattfinden, der fürs Irrenhaus, nicht für die Poesie paßt... Kurz, der Wahnsinn des Studenten, die Wirkung des Wetterglashändlers, die Liebe zu dem Automaten sind durchaus nicht motiviert; die letztere drängt sich als lächerlich und unglaublich zugleich auf. Kurz, es fliegen hier einige Fratzen dem Auge vorüber, ohne daß sich eine Bedeutung ergäbe, die durchaus in Nathanaels Gemüt tief begründet erscheinen müßte, nicht aber als bloße Kränklichkeit, die nur medizinisches Mitleid erweckt und eine scheußliche Beleidigung des Gefühls durch die Roheit des Advokaten, einen nervenschwachen Menschen zum Narren zu machen, mit sich führt. Denn daß derselbe hier etwas mit seinem widerlichen Gesicht ins Dunkel gestellt wird, fast als gebiete er über dunkle Naturkräfte, kann nichts motivieren, da dergleichen eine leere Erfindung wäre, was der Dichter auch selbst mag gefühlt haben. ... Auch er kann keineswegs an unbedingte Herrschaft eines geistigen Prinzips über das andre glauben, sondern will vielmehr annehmen, daß irgendeine Abhängigkeit, Schwäche des innern Willens oder eine Wechselwirkung stattfinden müsse, die jener Herrschaft Raum gibt. Aus welchem Gesichtspunkte man daher auch Coppelius' Verhältnis zu Nathanael betrachten mag, nirgends zeigt sich eine wahrhaft begründete Einwirkung, die so Schreckliches hervorbringen könnte. - «