Ignaz Denner


Jewel-Box mit 2 CD und 16seitigem Beiheft
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CD 1 Giorgina und Andres 4:57
Der Fremde 9:36
Das Kistchen 11:55
Andres im Wohlstand 10:32
Nächtliches Abenteuer 7:09
Der Überfall auf den Pachter 9:22
Denner kehrt wieder 10:28
Die Räuberbande im Hause 12:49 77:48
CD 2 Andres vor Gericht 8:52
Die Folter 8:38
Die Hinrichtung 9:22
Merkwürdige Umstände 12:16
Trabacchio und Ignaz Denner 10:31
Der reuige Trabacchio 8:21
Der böse Kumpan 9:37 67:37
2:25:25

                                        Entstehungsgeschichte

Schon während der Arbeiten am Roman »Die Elixiere des Teufels«, der im Mai 1816 im Verlag Duncker && Humblot erschien, hat Hoffmann diese Sammlung von Erzählungen geplant und Vorbereitungen dazu getroffen. Nach der Wiederaufnahme der juristischen Tätigkeit am Berliner Kammergericht im Jahre 1814 blieb sein Tagebuch ab dem Jahre 1815 leer; Briefzeugnisse zur Entstehung seines literarischen Werks sind äußerst spärlich überliefert. Von dieser Seite stehen also keine Selbstdarstellungen des Verfassers über die Entstehungsgeschichte der »Nachtstücke« zur Verfügung.
Am 24. November 1815 schrieb Hoffmann, nachdem Carl Friedrich Kunz, der Verleger der »Fantasiestücke«, das Projekt offenbar bereits abgelehnt hatte, an den Verlagsbuchhändler Georg Reimer, den derzeitigen Inhaber der Berliner Realschulbuchhandlung, mit dem er durch seinen Freund und Berufskollegen Julius Eduard Hitzig bekannt geworden war: »So wie mir Hitzig sagt, würden Ew. Wohlgeboren vielleicht geneigt sein, ein Bändchen Erzählungen unter dem allgemeinen Titel ,Nachtstücke’ herausgegeben von dem Verfasser der »Fant[asie]st[ücke] in Call[ots] Man[ier]« in Verlag zu nehmen, und unter dieser Voraussetzung bin ich so frei, Ihnen die erste jener Erzählungen: ,Der Sandmann’, zu gütiger Durchsicht mit dem Bemerken zuzusenden, daß die zweite: ,Der Revierjäger’, auch bereits vollendet sowie ein Zyklus von vier kleinen Erzählungen, der den Band schließen sollte, skizziert ist. - Den Band würde ich nach dem Druck, wie er in den ,Elixieren des Teufels’ stattfindet, auf 24 Druckbogen berechnen, und im Fall Ew. Wohlgeboren das Werkchen in Verlag nehmen wollten, könnte der Druck alsbald beginnen, und würde ich es Ihnen ganz überlassen, inwiefern Sie die jetzi[gen] ,Nachtstücke' als erstes Bändchen abdrucken und dann in der Folge es darauf ankommen lassen wollten, inwiefern es rätlich sei, noch ein zweites folgen zu lassen. Rücksichts des Honorars hoffe ich mit Ew. Wohlgeboren mich sehr leicht zu einigen, da mir Ihre Gesinnungen bekannt sind. ...«
Zu diesem Zeitpunkt hatte Hoffmann die allgemeine Idee einer neuen Sammlung von Erzählungen in Angriff genommen und den Titel bestimmt; es gab es noch keine Fassung, die für den Satz herangezogen werden konnte. Das Wort »Stücke« gebrauchte Hoffmann in beiden Fällen als Synonym für »Gemälde«. Unter »Nachtstücken« versteht man in der europäischen Malerei des 18. Jahrhunderts Gemälde oder Graphiken mit abgründigen Motiven, also nicht in der Malerei nächtlicher Szenen, hell-dunkel-kontrastige Motive, Mondscheinlandschaften oder Interieurs mit künstlicher Beleuchtung. Hierunter fielen die Höllen- und Spukszenen, wie sie etwa auf den Bildern des Holländers Pieter Bruegel des Jüngeren (um 1564-1638) genannt »Höllen-Bruegel«, des Hieronymus Bosch ,van Aken’ (1460 - 1169) und des Italieners Salvator Rosa (1615-1673) zu sehen sind.
Im Brief an den Verleger Reimer nennt Hoffmann als zweites Stück den »Revierjäger« und erwähnt einen »Zyklus von vier kleinen Erzählungen, der den Band schließen sollte«, an dessen Stelle aber schließlich zwei rasch hintereinander verfasste größere Erzählungen traten: »Die Jesuiterkirche in G.« und »Das Sanctus«. Die ursprünglich für die »Fantasiestücke« vorgesehene Geistergeschichte »Der Revierjäger« wurde parallel zu den Neuschöpfungen umgearbeitet. Sie erhielt unmittelbar vor der Veröffentlichung die auf den Rahmentitel »Nachtstücke« deutlicher Bezug nehmende Überschrift »Ignaz Denner« - den Namen des gespenstischen Räubers, der damit in der veränderten Fassung stärker als der Revierförster in den Vordergrund tritt.
Dass die Arbeiten zeitlich dicht beieinanderlagen und Hoffmann von Reimer, der inzwischen die Verlagsrechte erworben hatte, unter Zeitdruck beim Wort genommen wurde, ersieht man aus dem Brief an den Verleger vom 9. Februar 1816: »Ew. Wohlgeboren haben heute früh, als ich noch im Bette lag, zu mir geschickt, wahrscheinlich um sich nach dem Manuskript der ,Nachtstücke’ erkundigen zu lassen, und ich muß recht sehr bitten, es gütigst zu entschuldigen, daß ich nicht schon längst selbst mit Ew. Wohlgeboren darüber gesprochen habe. Bloß Dienstgeschäfte, vorzüglich aber daß ich außer der Oper ,Undine’ noch eine andere Komposition für das Theater schnell vollenden mußte, haben die Bearbeitung der ,Nachtstücke’ verzögert, jetzt aber arbeite ich schon seit etlichen Tagen unausgesetzt daran, so daß ich den ,Revierjäger’ in ein paar Tagen, die beiden übrigen Erzählungen, die schon längst entworfen sind und nur der Feile bedürfen, bis zum
Ende dieses Monats bestimmt abliefern werde. Sehr lieb würde es mir sein, wenn die Korrektur in Leipzig meinem Freunde, dem Doktor Adolph Wagner, übertragen werden könnte...«
Hoffmann sandte das Restmanuskript zum ersten Band - entgegen der Vereinbarung mit Reimer - erst im September an den Verlag, so dass das Buch erst zur Michaelismesse 1816 (mit der Jahreszahl 1817 auf dem Haupttitel) erscheinen konnte, obwohl es in der »Zeitung für die elegante Welt« vom 29. April (»Bücherverzeichnis von der Ostermesse dieses Jahres«) bereits für Ostern angekündigt worden war.
Die ursprüngliche Fassung dieser kriminalistischen Spukerzählung unter dem Titel »Der Revierjäger. Eine Geistergeschichte« war für die »Fantasiestücke in Callots Manier« bestimmt gewesen, jedoch nicht in dieser Sammlung erschienen. Wie schon im Falle des Manuskripts zum »Sandmann«war es auch hier der Hoffmann-Forscher Hans von Müller, der das handschriffliche Original aus Hitzigs Nachlass sicherstellte und dem Märkischen Provinzialmuseum in Berlin übergab. Es handelt sich um eine fortgeschrittene Textstufe, mit Abweichungen von der endgültigen Fassung kleinerer stilistischer Korrekturen.
Hoffmann erwähnt die »Geistergeschichte« in einem Brief, den er am 16. Januar 1814 von Leipzig aus an seinen damaligen Verleger Kunz in Bamberg schrieb. Dieser Brief enthält einen vorläufigen Entwurf für die Fortsetzung der »Fantasiestücke«, der den ,Revierjäger’ als dritten Beitrag für den vierten Band vorsieht, sowie die Randbemerkung: »Denken Sie sich beim ,Revierjäger’ nichts Verbrauchtes, etwa einen Freischützen oder sonst dergleichen...« Niedergeschrieben wurde die Erzählung in der Zeit vom 20. Mai bis 1. Juni 1814, die Reinschrift jedoch erst sehr viel später, wahrscheinlich von Berlin aus, abgesandt. Den Vorsatz, den »Revierjäger« in den ersten Band der »Nachtstücke« einzugliedern, fasste Hoffmann spätestens im November 1815, als er mit dem Berliner Verleger Georg Reimer über das Projekt verhandelte.
Die Umarbeitung der Erzählung erfolgte im Frühjahr 1816, die Änderung des Titels in »Ignaz Denner« erst unmittelbar vor dem Erscheinen des Bandes im Herbst 1816.
Festlegungen literarischer Vorbilder für »Ignaz Denner« sind immer wieder versucht worden, haben aber wenig konkrete Ergebnisse gezeitigt. Die Anklänge an Schillers Drama »Die Räuber« (1782) z. B. werden durch den magischen Räuber-Helden und die Trabacchio-Einlage verdeckt, die ihrerseits - dem Zeitgeschmack gemäß - der Schauer- und Gespensterromantik verpflichtet ist, der Hoffmann des öfteren Motive und Kolorit entlehnt hat. Hoffmanns eigene Angabe, dass die Vorgeschichte des Doktors Trabacchio auf einem »Auszug aus den von dem geistlichen Gericht in Neapel verhandelten Akten« basiere, ist lediglich eine poetische Fiktion.
Weit stärker als an literarischen Quellen hat sich der Dichter wohl an historischen Vorbildern orientiert, die nicht schwer zu finden waren, da um die Mitte des 18. Jahrhunderts das Räuberbandenwesen im mitteldeutsch-fränkischen Gebiet jahrzehntelang floriert hatte.

                                                Wirkung

Die »Fantasiestücke« fanden unmittelbar nach ihrem Erscheinen in den zeitgenössischen Journalen eine starke Resonanz. Willibald Alexis bemerkte, dass sie »Begeisterung und Unwillen, beide mit gleichem Feuer aufgetragen«, und schließlich »den verdienten Beifall« erworben hatten. Im Gegensatz dazu blieb das Erscheinen der »Nachtstücke« von den Kritikern fast unbeachtet. Die führenden Literaturblätter widmeten der Neuerscheinung des inzwischen allgemein bekannten Autors keine Aufmerksamkeit. Der Titel brachte auch nicht das »große Publikum«. Jedenfalls wurde das Buch zu Lebzeiten des Dichters nicht wieder aufgelegt.
Eine der wenigen nennenswerten Kritiken findet sich in der »Allgemeinen Literaturzeitung« (Nr. 179) vom Juli 1817. Darin wirft der anonyme Rezensent gleich einleitend Hoffmann und Fouqué die gemeinsame Absicht vor, »das in der Tat zu ungläubig gewordene Publikum durch irgendeinen geisterhaften Spuk zu schrecken«. Deshalb seien Fouqué »die Visionärs so notwendig« als Hoffmann »die einfältiglichen guten Seelen, die der Teufel zu berücken sucht«. Allerdings seien die Hoffmannschen »Geister« »weniger einförmig, weil es poetischer scheint, seinen Geist mit Hülfe der Einbildungskraft seiner Leser entstehen zu lassen, wenn es sich nur sonst der Verfasser damit nicht zu leicht macht (wie in Nr. 1 mit der Puppe Olimpia freilich geschieht), als den Glauben an die Unholde vorauszusetzen, wie Herr Baron von Fouqué fast immer tut, um seine fertigen Puppen aus der poetischen Polterkammer hervorzuholen«. Im folgenden charakterisiert der Rezensent
Hoffmanns poetische Gestalten und äußert sich zum Verhältnis von Phantasie und Wirklichkeit in den »Nachtstücken« »Ja, unserm Verfasser kommt es selbst zustatten, daß, wo ihm sein Schöpfungswerk auch weniger gelingen möchte, er immer noch seine Kobolde als Hirngespinste seines Helden, der entweder krank oder enthusiasmiert oder beides ist, mit Ehren aufführen darf; dazu erheitert meistens eine joviale Ironie die schauerlichen Skizzen unsers Verfassers, die uns auf seinem Standpunkte Phantasiewelt und Wirklichkeit als zwei Hälften einer Kugel erscheinen läßt, von denen bald die eine, bald die andere beleuchtet oder beschattet ist, weshalb auch jene oft als ein Gesicht unschädlicher Schwärmerei, letztere als mühseliges Schattenleben erscheint, das sich durch seinen Ernst selbst vernichtet. Indessen kann nicht geleugnet werden, daß diese Ironie zuweilen auch etwas grell eintritt, besonders da, wo das Geistersehen seiner Personen in ein
unwillkürliches Phantasieren übergeht, und man muß gestehen, daß, wenn bei Ermangelung jener Ironie Fouqués Geisterspiele (den wir übrigens nur in dem angeführten Gesichtspunkte mit unserm Verfasser vergleichen wollen) weit schwerfälliger sind und sich in ihrer einförmigen Manier zuweilen selbst zu parodieren scheinen, sie doch von der andern Seite mehr Gemüt verraten als die kecken Phantasiespiele unsers Verfassers.«
II. ,Ignaz Denner'. Eine etwas gedehnte Räubergeschichte, wobei man sich erinnert, ähnliches schon gehört oder gelesen zu haben, Zwar ist auch hier ein unbekannter Fremder, der mit Teufelskünsten wirkt, aber überhaupt weniger Geisterspuk in dieser Erzählung als in andern des Verfassers. Von dem Augenblicke aber, daß man jenen als Räuber kennenlernt, verliert sich das Interesse immer mehr, und man ist gefaßt, daß es auf die begonnene Weise in infinitum fortgehen könne. Überhaupt glaubt Rezensent hier zu bemerken, daß, wo einmal der Verfasser seine Geister spart und der schlichten Wirklichkeit nachzuerzählen scheint, er auch in dem Maße gewöhnlich wird. -
Der Pädagoge und Literaturkritiker Konrad Schwenk verreißt die »Nachtstücke« in »Hermes oder Kritisches Jahrbuch der Literatur« (Drittes Stück für das Jahr 1818) »worin Erzählungen sind, so platt, als es welche geben kann, die freilich ,Nachtstücke' sind, da sie sich bei Tag nicht wohl dürfen sehen lassen, und wo alles schwarz angestrichen ist und grell abstechend zinnoberrote Teufel draufgemalt sind, den Leser zu erschrecken ...
II. Über die zweite Erzählung: ,Ignaz Denner’ muß man erstaunen. Man hatte von einem geistreichen Dichter eine solche gemeine Räuber-, Teufel-Spektakelgeschichte nicht erwartet. Jägerhaus im Walde, Räuberei, Teufelskünste in Neapel, wo der böse Feind als Hahn auftritt, das sind die Ingredienzien zu dieser lamentabeln, langweiligen Geschichte, deren Porträt zu entwerfen überflüssig, ja gehässig ist, da man wohl sagen könnte mit dem griechischen Epigramm: Es ist schon an einem zuviel, was braucht man gar zwei? Dergleichen Gesindel, als hierin spukt, knüpfe man auf, beschreibe aber nicht ein langes und breites daran. - «