Das öde Haus


Jewel-Box mit 2 CD und 20seitigem Beiheft
zum Preis von € 13,00

CD 1 Die Historienerzählung 5:32
Das verödetete Haus 8:23
Die Frau am Fenster 6:47
Der Verwalter des öden Hauses 5:46
Der Zauber des Hauses 9:33
Der Zauberspiegel 12:02 48:01
CD 2 Der Besuch beim Arzt 15:10
Im öden Haus 4:14
Die Geheimnisse des Hauses 10:36
Wehmut und Abschied 6:13
Die Krankheit des Oheims 6:54
Die Geschichte der Gräfin von Z. 14:30 40:48
1:28:49

                                       Entstehungsgeschichte

Schon während der Arbeiten am Roman »Die Elixiere des Teufels«, der im Mai 1816 im Verlag Duncker und Humblot erschien, hat Hoffmann diese Sammlung von Erzählungen geplant und Vorbereitungen dazu getroffen. Nach der Wiederaufnahme der juristischen Tätigkeit am Berliner Kammergericht im Jahre 1814 blieb sein Tagebuch ab dem Jahre 1815 leer; Briefzeugnisse zur Entstehung seines literarischen Werks sind äußerst spärlich überliefert. Von dieser Seite stehen also keine Selbstdarstellungen des Verfassers über die Entstehungsgeschichte der »Nachtstücke« zur Verfügung.
Am 24. November 1815 schrieb Hoffmann, nachdem Carl Friedrich Kunz, der Verleger der »Fantasiestücke«, das Projekt offenbar bereits abgelehnt hatte, an den Verlagsbuchhändler Georg Reimer, den derzeitigen Inhaber der Berliner Realschulbuchhandlung, mit dem er durch seinen Freund und Berufskollegen Julius Eduard Hitzig bekannt geworden war: »So wie mir Hitzig sagt, würden Ew. Wohlgeboren vielleicht geneigt sein, ein Bändchen Erzählungen unter dem allgemeinen Titel ,Nachtstücke’ herausgegeben von dem Verfasser der »Fant[asie]st[ücke] in Call[ots] Man[ier]« in Verlag zu nehmen, und unter dieser Voraussetzung bin ich so frei, Ihnen die erste jener Erzählungen: ,Der Sandmann’, zu gütiger Durchsicht mit dem Bemerken zuzusenden, daß die zweite: ,Der Revierjäger’, auch bereits vollendet sowie ein Zyklus von vier kleinen Erzählungen, der den Band schließen sollte, skizziert ist. - Den Band würde ich nach dem Druck, wie er in den ,Elixieren des Teufels’ stattfindet, auf 24 Druckbogen berechnen, und im Fall Ew. Wohlgeboren das Werkchen in Verlag nehmen wollten, könnte der Druck alsbald beginnen, und würde ich es Ihnen ganz überlassen, inwiefern Sie die jetzi[gen] ,Nachtstücke' als erstes Bändchen abdrucken und dann in der Folge es darauf ankommen lassen wollten, inwiefern es rätlich sei, noch ein zweites folgen zu lassen. Rücksichts des Honorars hoffe ich mit Ew. Wohlgeboren mich sehr leicht zu einigen, da mir Ihre Gesinnungen bekannt sind. ...«
Zu diesem Zeitpunkt hatte Hoffmann die allgemeine Idee einer neuen Sammlung von Erzählungen in Angriff genommen und den Titel bestimmt; es gab es noch keine Fassung, die für den Satz herangezogen werden konnte. Das Wort »Stücke« gebrauchte Hoffmann in beiden Fällen als Synonym für »Gemälde«. Unter »Nachtstücken« versteht man in der europäischen Malerei des 18. Jahrhunderts Gemälde oder Graphiken mit abgründigen Motiven, also nicht in der Malerei nächtlicher Szenen, hell-dunkel-kontrastige Motive, Mondscheinlandschaften oder Interieurs mit künstlicher Beleuchtung. Hierunter fielen die Höllen- und Spukszenen, wie sie etwa auf den Bildern des Holländers Pieter Bruegel des Jüngeren (um 1564-1638) genannt »Höllen-Bruegel«, des Hieronymus Bosch ,van Aken’ (1460 - 1169) und des Italieners Salvator Rosa (1615-1673) zu sehen sind.
Dass die Arbeiten zeitlich dicht beieinanderlagen und Hoffmann von Reimer, der inzwischen die Verlagsrechte erworben hatte, unter Zeitdruck beim Wort genommen wurde, ersieht man aus dem Brief an den Verleger vom 9. Februar 1816: »Ew. Wohlgeboren haben heute früh, als ich noch im Bette lag, zu mir geschickt, wahrscheinlich um sich nach dem Manuskript der ,Nachtstücke’ erkundigen zu lassen, und ich muß recht sehr bitten, es gütigst zu entschuldigen, daß ich nicht schon längst selbst mit Ew. Wohlgeboren darüber gesprochen habe. Bloß Dienstgeschäfte, vorzüglich aber daß ich außer der Oper ,Undine’ noch eine andere Komposition für das Theater schnell vollenden mußte, haben die Bearbeitung der ,Nachtstücke’ verzögert, jetzt aber arbeite ich schon seit etlichen Tagen unausgesetzt daran, so daß ich den ,Revierjäger’ in ein paar Tagen, die beiden übrigen Erzählungen, die schon längst entworfen sind und nur der Feile bedürfen, bis zum Ende dieses Monats bestimmt abliefern werde. Sehr lieb würde es mir sein, wenn die Korrektur in Leipzig meinem Freunde, dem Doktor Adolph Wagner, übertragen werden könnte...«
Hoffmann sandte das Restmanuskript zum ersten Band - entgegen der Vereinbarung mit Reimer - erst im September an den Verlag, so dass das Buch erst zur Michaelismesse 1816 (mit der Jahreszahl 1817 auf dem Haupttitel) erscheinen konnte, obwohl es in der »Zeitung für die elegante Welt« vom 29. April (»Bücherverzeichnis von der Ostermesse dieses Jahres«) bereits für Ostern angekündigt worden war.
Hoffmann sandte das Restmanuskript zum ersten Band - entgegen der Vereinbarung mit Reimer - erst im September an den Verlag, so dass das Buch erst zur Michaelismesse 1816 (mit der Jahreszahl 1817 auf dem Haupttitel) erscheinen konnte, obwohl es in der »Zeitung für die elegante Welt« vom 29. April (»Bücherverzeichnis von der Ostermesse dieses Jahres«) bereits für Ostern angekündigt worden war.
Die Entstehungszeit des zweiten Bandes lässt sich lediglich anhand einiger Daten aus der Geschäftskorrespondenz belegen. In Reimers Hauptbuch heißt es unter dem 15. Februar 1817: »... zahlte ihm vorschußweise auf die ,Nachtstücke’, 2. B[and] Gold 50 [Reichstaler]‘. Dieselbe Bemerkung findet sich in den Eintragungen vom 20. März und 30. August. Am 13. Oktober 1817 schließlich vermerkte der Verleger: ... zahlte ihm per Saldo des Honorars für letztem Band Gold 30.«
Hoffmann schloss die Arbeit an dieser zweiten Folge von vier Erzählungen erst im Spätsommer 1817 ab. Das Erscheinen des zweiten Bandes wurde dann wiederum von der »Zeitung für die elegante Welt«, und zwar am 25. Oktober (im »Bücherverzeichnis von der Michaelismesse«), angezeigt. - Am 28. November schrieb Hoffmann an Reimer: »Für die gütige Übersendung der ,Nachtstücke’, 2. Teil, danke ich Ihnen, verehrtester Freund! auf das verbindlichste. Indessen habe ich noch eine Bitte, könnte ich wohl durch Ihre Güte noch zwei Exemplare vom ersten Teil, und womöglich eins davon auf Velinpapier, erhalten?«
Wie in den »Fantasiestücken« lässt Hoffmann auch in den »Nachtstücken« Selbsterlebtes, oft sogar scheinbar nebensächliche biographische und lokale Details in die Handlung einfließen, wobei sich konstatieren lässt, dass er eine größere Distanz zum Leser sucht. Er kleidet er auf neue Weise seine seelischen Zwänge und abnorme Reaktionen in poetische Bilder ein und verleiht seinen Gestalten Züge des eigenen Charakters und Wesens. Bei der Gestaltung dieser psychologischen Komponente stützt sich der Dichter auf die ihm zugängliche medizinische Fachliteratur, besonders auf Johann Christian Reils »Rhapsodien über die Anwendung der psychischen Kurmethode auf Geisteszerrüttungen« (Halle 1803), Karl Alexander Ferdinand Kluges »Versuch einer Darstellung des animalischen Magnetismus als Heilmittel« (Berlin 1811), Ernst Daniel August Bartels »Grundzüge einer Physiologie und Physik des animalischen Magnetismus« (Frankfurt a. M. 1812) sowie Philippe Pinels »Traité medico-philosophique sur l'aliénation mentale ou la manie« (Paris 1801; Medizinisch-philosophische Abhandlung über die Geisteszerrüttung oder den Wahnsinn).

Die Eröffnungsgeschichte des zweiten Bandes der »Nachtstücke« ist nach Abschluss des ersten Bandes (September 1816), wahrscheinlich aber erst im Frühjahr 1817 entstanden. Eduard Hitzig berichtet in seiner Hoffmann-Biographie (»E. T. A. Hoffmanns Leben und Nachlaß«, 3. Auflage, 1839, Band 2, S. 106), dass der Dichter durch den Eindruck, »den ein Unter den Linden belegenes Haus auf ihn machte, dessen Fenster nach vorn hinaus nie geöffnet erschienen und hinter denen seine Phantasie ihn allerlei Spukhaftes sehen ließ«, zu der Erzählung inspiriert worden sei. Wie der Publizist Julius Rodenberg in seinen »Bildern aus dem Berliner Leben« (3. Ausgabe, Berlin 1891, Band 3, S. 112) nachgewiesen hat, handelte es sich dabei um das Haus Unter den Linden Nr. 9, unmittelbar neben der ehemaligen Fuchsschen Konditorei (Haus Nr. 8), deren Anziehungskraft auf das Publikum Heinrich Heine in seinen »Briefen aus Berlin« (2. Brief, 16. März 1822) schildert.
Der Autor kleidet seine Poetik in Erscheinungsbilder der autosuggestiven Fantasie in Verbindung mit magnetistischen Manipulationen, wie sie bereits in der Erzählung »Der Magnetiseur« im zweiten Band der »Fantasiestücke in Callots Manier« in aller Ausführlichkeit geschildert werden. (Hier im besonderen in »Fragment von Albans Brief an Theobald.«) [Die »Fantasiestücke in Callot’s Manier« sind in diesem Verlag bereits als Hörbuch erschienen.] Einen besonderen Reiz jedoch gewinnt »Das öde Haus« durch die eindringliche Schilderung der korrekten Orte in der bizarren Fabel, durch die Verwendung zahlreicher Details nicht nur aus der lokalen, sondern auch aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Dazu zählen die Extravaganzen und Affären privilegierter Kreise der preußischen Metropole, von denen Hoffmann durch seine Bekanntschaft mit dem Grafen von Pückler-Muskau und seine Freundschaft mit dem Arzt Johann Ferdinand Koreff unterrichtet war, denen er in seiner phantastischen Geschichte »Mitspielerrollen« zuerteilt (Graf P. und Doktor K.). Pückler selbst unterhielt seinerzeit gleichzeitig Kontakte zu zwei Frauen ; zu seiner späteren Pflegetochter Helmine von Lanzendorf (auf die Hoffmann in der rzählung mit der Gestalt der Edwine anspielt) und seiner Braut und späteren Frau, der noch nicht rechtskräftig geschiedenen Gräfin Lucie von Pappenheim, einer Tochter des preußischen Staatskanzlers Hardenberg, deren verwandtschaftliche Beziehungen von höchst mysteriöser Art waren: Für die Öffentlichkeit galt Helmine von Lanzendorf als »die schöne Pflegeschwester« der Gräfin; tatsächlich war sie aber wohl deren uneheliche Tochter, mutmaßlich aus einer Verbindung mit dem französischen Marschall und späteren Schwedenkönig Bernadotte. Koreff wiederum, ein leidenschaftlicher Verfechter der magnetischen Heilmethode, war damals »Leib- und Seelenarzt« Hardenbergs und Intimus des Grafen Pückler.

                                             Rezeption

Die »Fantasiestücke« fanden unmittelbar nach ihrem Erscheinen in den zeitgenössischen Journalen eine starke Resonanz. Willibald Alexis bemerkte, dass sie »Begeisterung und Unwillen, beide mit gleichem Feuer aufgetragen«, und schließlich »den verdienten Beifall« erworben hatten. Das Erscheinen der »Nachtstücke« blieb von den Kritikern fast unbeachtet. Die führenden Literaturblätter widmeten der Neuerscheinung des allgemein bekannten Autors keine Aufmerksamkeit. Der Titel brachte auch nicht das »große Publikum«. Jedenfalls wurde das Buch zu Lebzeiten des Dichters nicht wieder aufgelegt.
Der Pädagoge und Literaturkritiker Konrad Schwenk kanzelt den Dichter in »Hermes oder Kritisches Jahrbuch der Literatur« (Drittes Stück für das Jahr 1813) ab und verwirft sämtliche Beiträge der Sammlung, »worin Erzählungen sind, so platt, als es welche geben kann, die freilich »Nachtstücke« sind, da sie sich bei Tag nicht wohl dürfen sehen lassen, und wo alles schwarz angestrichen ist und grell abstechend zinnoberrote Teufel draufgemalt sind, den Leser zu erschrecken ... -
Zweiter Teil. 1 ,Das öde Haus’. Der magnetische Rapport, selbst aus der Ferne, zwischen Personen, die sich nicht kennen, ist der Inhalt dieser Erzählung, die übrigens unfreundlich ist. Wäre es möglich, daß jener Rapport stattfände, so hätte dies Geschichtchen einen Halt, obgleich auch dann noch der Fehler in der Darstellung bliebe, daß es mehr als nötig aus dem Menschlichen in das Haschen nach Effekt getrieben ist, so daß mehr seltsam sein sollende Einzelnheiten zusammengehäuft werden, als die Auflösung befriedigen kann... Gesellen sich nun zu solcher oft um nichts seltsamen Darstellung lauter von Prinzipien besessene Personnagen, so entsteht nicht ein ahnungsvolles Regen des Geistes und schauerndes Sinnen am Rande einer dämmernden Geisterwelt, sondern eine langweilige Unbehaglichkeit, die immer falsches Haschen begleitet. Es hält dann schwer, sich des Wunsches zu enthalten, daß doch mit der Herde der Gergesener [vgl. Neues Testament, Matthäus 8, 28-32] alle die somnambul-magnetischen Prinzipe möchten ausgerottet worden sein, um nicht nach einer langen Metempsychose wieder ihren Unfug zu treiben in zwar scheinbar fieberheißen, doch aber innerlich frostigen Berichten einer poetischen Pathologie. Joseph von Eichendorff wirft Hoffmann aus der Sicht seines romantischen Katholizismus »Mangel an Innerlichkeit und wahrer künstlerischer Hingebung« vor und lehnt seine Werke als »gespensterhafte Luftspiegelungen« nahezu pauschal ab. In seiner Schrift »Über die ethische und religiöse Bedeutung der neueren romantischen Poesie in Deutschland« (1847) heißt es: »Hätte er, im Leben wie im Dichten, sich selbst überwinden wollen, er hätte vielleicht Größeres geleistet; daß er es konnte, hat er in seinem ,Fräulein von Scuderi’, im ,Majorat’ und im ,Küf[n]er Martin und seine Gesellen’ überraschend dargetan. Sein Mangel war daher weniger ein literarischer als ein ethischer, und es ist keinesweges zufällig, daß die ganze unmoralische sogenannte Romantik in Frankreich ihn fast ausschließlich als ihren deutschen Vorfechter anerkennt.«
Im Teil 2 seiner Biographie »Ludwig Tieck. Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen« (Leipzig 1815) überliefert Rudolf Köpke die abschätzige Bemerkung Tiecks über das »bizarr neckende und irregehende Talent« Hoffmanns: »In der Region der Erzählung, wo das Furchtbare und das Grausen heimisch war, welches vorzugsweise für romantisch galt, war er der Erste. Hier gab es alle erdenkliche Zerrgebilde krankhafter Phantasie, den bis zum Schwindel gesteigerten Wechsel brennender Farben. Alles verwandelte sich in alles; der Wahnwitz war zuletzt der wahre Tiefsinn, und das Leben erfüllte sich mit Gespenstern, die ebenso gräßlich als skurril waren. Die Fieberhitze dieser Nachtstücke und Teufelselixiere ging auf das Publikum über; durch den nervösen Schreck wollte es ergriffen und geängstigt werden.«
Friedrich Hebbel, der Hoffmann zeitlebens verehrte und den Roman »Die Elixiere des Teufels« enthusiastisch gelobt hatte, bezieht sich auf die »Nachtstücke« nur indirekt in einem Brief (an Saint-René Taillandier; 9. August 1852), in dem er bekennt, daß »das Dichten und Darstellen bei mir ... so ganz in reiner Phantasietätigkeit auf geht, daß ich fast auf Hoffmannsche Weise von meinen Gestalten und Bildern abhänge und es eben deshalb nicht unterlassen kann, Nachtstücke auszuführen, von denen ich ... vorausweiß, daß die allerwenigsten sie billigen oder auch nur verstehen werden«