Das Majorat


Kassette mit 3 CD und 24seitigem Beiheft
zum Preis von € 24,50

CD 1 Das Schloss 6:11
Die Fahrt nach Rossitten 11:02
Im Schloss 8:10
Im Dienst 3:45
Warten auf den Spuk 6:25
Der Baron von Rossitten 4:16
Die Baronesse 7:06
Der Empfang 6:36
Das Klavizimbel 8:09
Der Ball und die Tage danach 6:28
Die Jagd 8:01 76:09
CD 2 Der Kuss 7:29
Störung um Mitternacht 10:06
Der Baron in Sorge 10:36
Wehmut und Abschied 6:13
Die Krankheit des Oheims 7:19
Die Geschichte des Majorats
- Tod des Freiherrn Roderich von R. 10:02
- Die Erbschaft 9:13
- Der Neubau 3:41 64:49
CD 3 - Hubert von Rossitten 5:32
- Die Geldgier des Bruders Hubert 5:27
- Der Tod des Freiherrn 7:51
- Das Testament 12:03
- Der Nachtwandler 12:43
- Die Abdankung des Freiherrn Hubert 7:35
- Daniels Mord am Freiherrn 7:32
Huberts Part 7:42
Wiedersehen mit Rossitten 3:24 69:49
210:47

                                                Entstehung

Schon während der Arbeiten am Roman »Die Elixiere des Teufels«, der im Mai 1816 im Verlag Duncker && Humblot erschien, hat Hoffmann diese Sammlung von Erzählungen geplant und Vorbereitungen dazu getroffen. Nach der Wiederaufnahme der juristischen Tätigkeit am Berliner Kammergericht im Jahre 1814 blieb sein Tagebuch ab dem Jahre 1815 leer; Briefzeugnisse zur Entstehung seines literarischen Werks sind äußerst spärlich überliefert. Von dieser Seite stehen also keine Selbstdarstellungen des Verfassers über die Entstehungsgeschichte der »Nachtstücke« zur Verfügung.
Am 24. November 1815 schrieb Hoffmann, nachdem Carl Friedrich Kunz, der Verleger der »Fantasiestücke«, das Projekt offenbar bereits abgelehnt hatte, an den Verlagsbuchhändler Georg Reimer, den derzeitigen Inhaber der Berliner Realschulbuchhandlung, mit dem er durch seinen Freund und Berufskollegen Julius Eduard Hitzig bekannt geworden war: »So wie mir Hitzig sagt, würden Ew. Wohlgeboren vielleicht geneigt sein, ein Bändchen Erzählungen unter dem allgemeinen Titel ,Nachtstücke’ herausgegeben von dem Verfasser der »Fant[asie]st[ücke] in Call[ots] Man[ier]« in Verlag zu nehmen, und unter dieser Voraussetzung bin ich so frei, Ihnen die erste jener Erzählungen: ,Der Sandmann’, zu gütiger Durchsicht mit dem Bemerken zuzusenden, daß die zweite: ,Der Revierjäger’, auch bereits vollendet sowie ein Zyklus von vier kleinen Erzählungen, der den Band schließen sollte, skizziert ist. - Den Band würde ich nach dem Druck, wie er in den ,Elixieren des Teufels’ stattfindet, auf 24 Druckbogen berechnen, und im Fall Ew. Wohlgeboren das Werkchen in Verlag nehmen wollten, könnte der Druck alsbald beginnen, und würde ich es Ihnen ganz überlassen, inwiefern Sie die jetzi[gen] ,Nachtstücke' als erstes Bändchen abdrucken und dann in der Folge es darauf ankommen lassen wollten, inwiefern es rätlich sei, noch ein zweites folgen zu lassen. Rücksichts des Honorars hoffe ich mit Ew. Wohlgeboren mich sehr leicht zu einigen, da mir Ihre Gesinnungen bekannt sind. ...«
Zu diesem Zeitpunkt hatte Hoffmann die allgemeine Idee einer neuen Sammlung von Erzählungen in Angriff genommen und den Titel bestimmt; jedoch gab es noch keine Fassung, die für den Satz herangezogen werden konnte. Das Wort »Stücke« gebrauchte Hoffmann in beiden Fällen als Synonym für »Gemälde«. Unter »Nachtstücken« versteht man in der europäischen Malerei des 18. Jahrhunderts Gemälde oder Graphiken mit abgründigen Motiven, also nicht in der Malerei nächtlicher Szenen, hell-dunkel-kontrastige Motive, Mondscheinlandschaften oder Interieurs mit künstlicher Beleuchtung. Hierunter fielen die Höllen- und Spukszenen, wie sie etwa auf den Bildern des Holländers Pieter Bruegel des Jüngeren (um 1564-1638) genannt »Höllen-Bruegel«, des Hieronymus Bosch ,van Aken’ (1460 - 1169) und des Italieners Salvator Rosa (1615-1673) zu sehen sind.
Dass die Arbeiten zeitlich dicht beieinanderlagen und Hoffmann von Reimer, der inzwischen die Verlagsrechte erworben hatte, unter Zeitdruck beim Wort genommen wurde, wird ersichtlich aus einem Brief an den Verleger vom 9. Februar 1816: »Ew. Wohlgeboren haben heute früh, als ich noch im Bette lag, zu mir geschickt, wahrscheinlich um sich nach dem Manuskript der ,Nachtstücke’ erkundigen zu lassen, und ich muß recht sehr bitten, es gütigst zu entschuldigen, daß ich nicht schon längst selbst mit Ew. Wohlgeboren darüber gesprochen habe. Bloß Dienstgeschäfte, vorzüglich aber daß ich außer der Oper ,Undine’ noch eine andere Komposition für das Theater schnell vollenden mußte, haben die Bearbeitung der ,Nachtstücke’ verzögert, jetzt aber arbeite ich schon seit etlichen Tagen unausgesetzt daran, so daß ich den ,Revierjäger’ in ein paar Tagen, die beiden übrigen Erzählungen, die schon längst entworfen sind und nur der Feile bedürfen, bis zum Ende dieses Monats bestimmt abliefern werde. Sehr lieb würde es mir sein, wenn die Korrektur in Leipzig meinem Freunde, dem Doktor Adolph Wagner, übertragen werden könnte...«
Hoffmann sandte das Restmanuskript zum ersten Band - entgegen der Vereinbarung mit Reimer - erst im September an den Verlag, so dass das Buch erst zur Michaelismesse 1816 (mit der Jahreszahl 1817 auf dem Haupttitel) erscheinen konnte, obwohl es in der »Zeitung für die elegante Welt« vom 29. April (»Bücherverzeichnis von der Ostermesse dieses Jahres«) bereits für Ostern angekündigt worden war.
Die Entstehungszeit des zweiten Bandes lässt sich lediglich anhand einiger Daten aus der Geschäftskorrespondenz belegen. In Reimers Hauptbuch heißt es unter dem 15. Februar 1817: »... zahlte ihm vorschußweise auf die ,Nachtstücke’, 2. B[and] Gold 50 [Reichstaler]‘. Dieselbe Bemerkung findet sich in den Eintragungen vom 20. März und 30. August. Am 13. Oktober 1817 schließlich vermerkte der Verleger: ... zahlte ihm per Saldo des Honorars für letztem Band Gold 30.«
Hoffmann schloss die Arbeit an dieser zweiten Folge von vier Erzählungen erst im Spätsommer 1817 ab. Das Erscheinen des zweiten Bandes wurde dann wiederum von der »Zeitung für die elegante Welt«, und zwar am 25. Oktober (im »Bücherverzeichnis von der Michaelismesse«), angezeigt. - Am 28. November schrieb Hoffmann an Reimer: »Für die gütige Übersendung der ,Nachtstücke’, 2. Teil, danke ich Ihnen, verehrtester Freund! auf das verbindlichste. Indessen habe ich noch eine Bitte, könnte ich wohl durch Ihre Güte noch zwei Exemplare vom ersten Teil, und womöglich eins davon auf Velinpapier, erhalten?«
Wie in den »Fantasiestücken« lässt Hoffmann auch in den »Nachtstücken« Selbsterlebtes, oft sogar scheinbar nebensächliche biographische und lokale Details in die Handlung einfließen, wobei sich konstatieren lässt, dass er eine größere Distanz zum Leser sucht. Er kleidet er auf neue Weise seine seelischen Zwänge und abnorme Reaktionen in poetische Bilder ein und verleiht seinen Gestalten Züge des eigenen Charakters und Wesens. Bei der Gestaltung dieser psychologischen Komponente stützt sich der Dichter auf die ihm zugängliche medizinische Fachliteratur, besonders auf Johann Christian Reils »Rhapsodien über die Anwendung der psychischen Kurmethode auf Geisteszerrüttungen« (Halle 1803), Karl Alexander Ferdinand Kluges »Versuch einer Darstellung des animalischen Magnetismus als Heilmittel« (Berlin 1811), Ernst Daniel August Bartels »Grundzüge einer Physiologie und Physik des animalischen Magnetismus« (Frankfurt a. M. 1812) sowie Philippe Pinels »Traité medico-philosophique sur l'aliénation mentale ou la manie« (Paris 1801; Medizinisch-philosophische Abhandlung über die Geisteszerrüttung oder den Wahnsinn).

Hoffmanns umfangreichstes »Nachtstück« entstand zwischen September 1816 und Spätsommer 1817. Die Novelle enthält als biographische Reminiszenz ein literarisches Porträt des Großonkels Christoph Ernst Voeteri (1722-1795). Eduard Hitzig schreibt in seiner Hoffmann-Biographie (»E. T. A. Hoffmanns Leben und Nachlaß«, 3. Auflage, 1839, Band 1, S. 5 f.):» ... ein alter Großonkel, Justizrat Voeteri, ward in der ganzen Familie hoch geachtet. Auch Hoffmann - seine beiden Großmütter, von väterlicher und mütterlicher Seite, waren Schwestern Voeteris - gedachte seiner nur mit Verehrung. Der Alte trieb keine Geschäfte mehr und hatte sich nur noch einige Justitiariate auf den Gütern bewährter Freunde vorbehalten, die er, ein willkommener Gast, in einer guten Jahreszeit zu besuchen pflegte. [Die Gutsherren besaßen damals noch immer die seit dem Mittelalter bestehende, erst 1848 aufgehobene Patrimonialgerichtsbarkeit über die Gutseingesessenen, die sie häufig von erfahrenen, ihnen ergebenen Justizbeamten verwalten ließen.]
Hoffmann wurde einige Male als Protokollführer von ihm mitgenommen, und einer solchen Reise verdanken wir in der Erzählung ,Das Majorat’ die treuen Schilderungen preußischer Naturszenen und die herrliche Zeichnung des Justitiarius, ,eines Heros der alten Zeit in Schlafrock und Pantoffeln’, wie ihn Fouqué einst nannte. Sooft Hoffmann an bestimmten Tagen und Stunden - alles wurde in dieser Familie so betrieben - seinen Besuch bei dem würdigen Großoheim abgelegt hatte, erzählte er mit Lust von dem Ernste, der Erfahrung und Würde des Alten.«
Die zweite Jugenderinnerung, die Hoffmann, ironisch gefärbt, in die kriminalistische Familientragödie einbezogen hat, ist seine leidenschaftliche Liebe zu einer verheirateten Frau, der Königsbergerin Johanna Dorothea (Dora) Hatt, die der Autor, überhöht in der Schloßherrin Seraphine verkörpert. Von den seelischen Erschütterungen, die dieses Verhältnis bei dem damals Neunzehnjährigen ausgelöst hatte, zeugen mehrere Königsberger Briefe an den Jugendfreund Theodor Gottlieb von Hippel in Marienwerder: » ... ich liebe sie und bin unglücklich, weil ich sie nicht besitzen kann, weil in dem süßesten Genuß der Liebe ich qualvoll daran erinnert werde, daß sie nicht mein ist - nicht mein sein kann«, heißt es zum Beispiel unter dem 10. Januar 1796. »Sie, die ich über alles liebe, ohne die für mich kein Glück blüht, keine Freude existieren kann, ist das Weib eines andern - eines Menschen, der, ohne die Kostbarkeit zu genießen, die er besitzt, sie nur ängstlich bewacht. - Da hast Du meine ganze Schwachheit - ich weiß, daß Du, ohne mich lächerlich zu finden, mich bemitleiden wirst. - Du bist der einzige, dem ich die Schwachheiten meines Herzens gern eröffne. - Ohnmöglich kann ich’s verlangen, daß sie mich mit dem ausgelassenen Grad von Schwärmerei lieben soll, die mir den Kopf verrückt - und auch das quält mich ...«
Bei der Beschreibung des somnambulistischen Zustandes und des psychopathischen Syndroms beim Diener Daniel stützte sich Hoffmann auf die medizinische Fachliteratur seiner Zeit, vor allem auf die Beispielsammlung in Heinrich Nudows »Versuch einer Theorie des Schlafs« (Königsberg 1791; Kap. »Von der Schlafwanderung«) sowie auf die umfangreiche Bibliographie über Nachtwandler in Karl Alexander Ferdinand Kluges spiritualistisch beeinflusstem »Versuch einer Darstellung des animalischen Magnetismus als Heilmittel« (zweite Auflage, Berlin 1816).

                                            Rezeption

Die »Fantasiestücke« fanden unmittelbar nach ihrem Erscheinen in den zeitgenössischen Journalen eine starke Resonanz. Willibald Alexis bemerkte, dass sie »Begeisterung und Unwillen, beide mit gleichem Feuer aufgetragen«, und schließlich »den verdienten Beifall« erworben hatten. Im Gegensatz dazu blieb das Erscheinen der »Nachtstücke« von den Kritikern fast unbeachtet. Die führenden Literaturblätter widmeten der Neuerscheinung des inzwischen allgemein bekannten Autors keine Aufmerksamkeit. Der Titel brachte auch nicht das »große Publikum«. Jedenfalls wurde das Buch zu Lebzeiten des Dichters nicht wieder aufgelegt.
Der Pädagoge und Literaturkritiker Konrad Schwenk kanzelt den Dichter in »Hermes oder Kritisches Jahrbuch der Literatur« (Drittes Stück für das Jahr 1813) ab und verwirft sämtliche Beiträge der Sammlung, »worin Erzählungen sind, so platt, als es welche geben kann, die freilich ,Nachtstücke' sind, da sie sich bei Tag nicht wohl dürfen sehen lassen, und wo alles schwarz angestrichen ist und grell abstechend zinnoberrote Teufel draufgemalt sind, den Leser zu erschrecken ... -
Zweiter Teil. - II. ,Das Majorat’. In einem Schlosse an der Ostsee spukt’s, weil da jemand ist ermordet worden. Wer dies nicht glauben kann, für den ist diese Erzählung ohne Interesse, da sich wirklich alles nur um diesen Spuk dreht. Unser Dichter nimmt dergleichen nicht ohne allen Ernst, sondern läßt seine psychischen Prinzipe nach Gefallen wirken, und auch das vom Körper Geschiedene, wie er deutlich zu verstehen gibt, wenn er sagt, ,daß unser Geist im Traum an das höhere, nur in Ahnung sich gestaltende Sein oft Gemeinplätze des befangenen Lebens hängt, dieses aber dadurch auf bittere Weise zu ironisieren weiß...’. Es ist schade, daß wir nicht erfahren, wie das abgeschiedene psychische Prinzip auf physische Weise unsern Sinnen vernehmbar wirkt; eine Sache, die gerade dieser Erzählung erst den rechten Wert geben würde, da die Spukgeschichten, aus Mangel dieser Erklärung, etwas in Unwert gekommen sind... «
Heinrich Heine beschränkt sein Urteil über die »Nachtstücke« auf die lakonische Bemerkung: »In den ,Nachtstücken' ist das Gräßlichste und Grausenvollste überboten. Der Teufel kann so teuflisches Zeug nicht schreiben« (Dritter Brief; 7. Juni 1822).
Jean Pauls radikale Ablehnung des »romantischen Kunstwahnwitzes« in der Vorrede zur zweiten Auflage der »Unsichtbaren Loge« (1822) am Beispiel Hoffmanns zielt wohl vor allem auf die »Nachtstücke«: »Ich will hier der Vorreden-Kürze wegen mich bloß auf den kraftvollen Friedrich Hoffmann berufen, dessen Callotische Phantasien ich früher in einer besondern Vorrede schon empfohlen und gepriesen, als er bei weitem weniger hoch und mir viel näherstand. ... Neuerer Zeit nun weiß er allerdings die humoristischen Charaktere - zumal in der zerrüttenden Nachbarschaft seiner Morgen-, Mittag-, Abend- und Nachtgespenster, welche kein reines Taglicht und keinen festen Erdboden mehr gestatten - zu einer romantischen Höhe hinaufzutreiben, daß der Humor wirklich den echten Wahnwitz erreicht - was einem Aristophanes und Rabelais und Shakespeare nie gelingen wollen.«
Willibald Alexis schreibt in der kritischen Würdigung des literarischen Lebenswerks Hoffmannss in dem für Eduard Hitzigs Hoffmann-Biographie (»Aus Hoffmanns Leben und Nachlaß«, Berlin 1823) verfassten Aufsatz: »Zur Beurteilung Hoffmanns als Dichter«: »Bald nach den ,Fantasiestücken’ erscheinen die ,Nachtstücke’, welche zu wenig bekannt wurden, obgleich sie die trefflichste aller Erzählungen, ,Das Majorat’, enthalten. Auch die Erzählung ,Ignaz Denner’ ist eine der vorzüglichern. Im ,Sandmann’ muß man - wie überhaupt fast in allen diesen Nachtstücken - die reine Darstellung bewundern und wünschen, daß einige höchst originelle Ideen in einer minder gräßlichen und widerlichen Dichtung erschienen wären, um das Ganze mit Vergnügen noch einmal lesen zu können. ... Humor und Ironie endlich wuchern nicht in der Darstellung, in den Reflexionen des Dichters, sondern in der Individualität der Personen selbst. Hätte doch namentlich Hoffmann mehr solche Charaktere als der Justitiarius V. im ,Majorate’ zu bilden versucht! Außer in Shakespeareschen Charakteren erinnere ich mich keiner von einem Dichter erschaffenen Person, wo mir der trockene Humor besser zusagte als in diesem Greise, der wie ein Held im Schlafrock erscheint und, ohne seiner freundlichen Würde zu vergeben, die Ironie walten läßt. Der Humor ist aber auf einer festen Grundlage basiert, auf einem festen, mit sich eins gewordenem Gemüte. Hoffmann soll dem eigenen Oheim, einem Advokaten in Königsberg, in diesem Justitiarius ein Denkmal - ohne zu schmeicheln - gesetzt haben.«
Auch bei der Aufzählung derjenigen Stücke, die »die sicherste Bürgschaft dafür abgeben, daß, wenn er einmal zur Überzeugung gelangt wäre, ,der Weg des Studiums der Natur sei dem der Ausbildung einer ungezügelten Phantasie vorzuziehen’, auch Hoffmann ein wirklich klassischer, vielleicht der erste klassische Romanendichter der Deutschen geworden wäre. ... In diesen Erzählungen [wie ,Das Majorat’] hat sich Hoffmann selbst überwunden, d. h. seine wilde Kraft bezwungen. Die ausschweifende Phantasie, der ungezügelte Humor sind dienstbar geworden einer höhern Anordnung der Dinge. Wir finden dagegen eine klare Auffassung und Verarbeitung des Gegenstandes, und die Novellen sind in sich so geründet und abgeschlossen, wie wir die Kraft dazu dem Dichter der ,Fantasiestücke’ kaum zutrauten. Die Darstellung ist ein Meisterwerk der reinen unparteiischen Relation, und man bemerkt mit Freuden, welchen günstigen Einfluß juristische Ansicht und Praxis hierin auf den Dichter ausübten; auch die Sprache ist ein Muster der Gewandtheit und Eleganz. Die Charaktere sind mit wenigen Strichen trefflich angedeutet und individualisiert, auch durch die ganze Erzählung gehalten. Selbst ihr Äußeres ist so eigentümlich, daß, wenn man die Gestalt einmal erblickt hat, sie nicht wieder aus dem Gedächtnis verschwinden kann. Man erkennt und bewundert im Dichter den genauen Beobachter des äußern Menschen und den Maler zugleich. Endlich erinnert auch die Szenerie, der leicht hingeworfene oder mit Vorliebe ausgemalte Hintergrund, an einen ausgezeichneten Künstler. ... Im ,Majorate' weht uns die kalte Seeluft vom Kurischen Haff entgegen, die traurigste Sandküste gewinnt nur durch die Poesie Leben; doch die Gestalten sind mehr als lebendig, aber nur der Natur entnommen.«
Joseph von Eichendorff wirft Hoffmann aus der Sicht seines romantischen Katholizismus »Mangel an Innerlichkeit und wahrer künstlerischer Hingebung« vor und lehnt seine Werke als »gespensterhafte Luftspiegelungen« nahezu pauschal ab. In seiner Schrift »Über die ethische und religiöse Bedeutung der neueren romantischen Poesie in Deutschland« (1847) heißt es: »Hätte er, im Leben wie im Dichten, sich selbst überwinden wollen, er hätte vielleicht Größeres geleistet; daß er es konnte, hat er in seinem ,Fräulein von Scuderi’, im ,Majorat’ und im ,Küf[n]er Martin und seine Gesellen’ überraschend dargetan. Sein Mangel war daher weniger ein literarischer als ein ethischer, und es ist keinesweges zufällig, daß die ganze unmoralische sogenannte Romantik in Frankreich ihn fast ausschließlich als ihren deutschen Vorfechter anerkennt.«
Im Teil 2 seiner Biographie »Ludwig Tieck. Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen« (Leipzig 1815) überliefert Rudolf Köpke die abschätzige Bemerkung Tiecks über das »bizarr neckende und irregehende Talent« Hoffmanns: »In der Region der Erzählung, wo das Furchtbare und das Grausen heimisch war, welches vorzugsweise für romantisch galt, war er der Erste. Hier gab es alle erdenkliche Zerrgebilde krankhafter Phantasie, den bis zum Schwindel gesteigerten Wechsel brennender Farben. Alles verwandelte sich in alles; der Wahnwitz war zuletzt der wahre Tiefsinn, und das Leben erfüllte sich mit Gespenstern, die ebenso gräßlich als skurril waren. Die Fieberhitze dieser Nachtstücke und Teufelselixiere ging auf das Publikum über; durch den nervösen Schreck wollte es ergriffen und geängstigt werden.«
Friedrich Hebbel, der Hoffmann zeitlebens verehrte und den Roman »Die Elixiere des Teufels« enthusiastisch gelobt hatte, bezieht sich auf die »Nachtstücke« nur indirekt in einem Brief (an Saint-René Taillandier; 9. August 1852), in dem er bekennt, daß »das Dichten und Darstellen bei mir ... so ganz in reiner Phantasietätigkeit auf geht, daß ich fast auf Hoffmannsche Weise von meinen Gestalten und Bildern abhänge und es eben deshalb nicht unterlassen kann, Nachtstücke auszuführen, von denen ich ... vorausweiß, daß die allerwenigsten sie billigen oder auch nur verstehen werden«