Des Vetters Eckfenster


Jewel-Box mit einer CD und 20seitigem Beiheft
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Besuch beim Vetter 8:13
Die rabiate Hausfrau und böse Verkäuferinnen 8:38
Eine dicke Frau und junge Mädchen 11:07
Autoreneitelkeit 9:10
Ein widriger Mensch oder ein französisches Quartett 8:26
Der Blinde 10:00
Die Köhlerfamilie 5:44
Schlichten des Streits auf dem Markt 8:50
Armer Vetter 3:04 74:12

                                                                    Entstehungsgeschichte

»Sie fordern, verehrtester Herr! mich auf, an der Zeitschrift, die Sie unter dem Titel ,Der Zuschauer’ herauszugeben gedenken, mitzuarbeiten. Mit Vergnügen werde ich Ihren Wunsch erfüllen, um so mehr, als der wohlgewählte Titel mich an meine Lieblingsneigung erinnert.« So der Beginn eines offenen Briefes Hoffmanns an Johann Daniel Symanski, den Herausgeber der Berliner Zeitschrift ,Der Zuschauer. Zeitblatt für Belehrung und Aufheiterung’, wo »Des Vetters Eckfenster« in den Nummern 43 bis 54 vom 23. April bis 4. Mai 1822 erschien, während jener Wochen, in denen der Dichter seinen nahenden Tod vorausgeahnt hat.
Das erwähnte Schreiben vom Herbst 1820 lässt erkennen, dass es länger als ein Jahr dauerte, bis Hoffmann den versprochenen Beitrag für den Almanach einsandte. Als Grund für die erbetenen Aufschübe gibt der bei den Verlegern inzwischen »hoch dotierte« Dichter die Arbeiten am »Kater Murr« an. - Die Dialogerzählung »Des Vetters Eckfenster« gilt zu Recht als ein Höhepunkt in Hoffmanns Schaffen. Zum einen, weil er mit dem gelähmten Dichter-Vetter (»Vetter«: in Erinnerung an den Großonkel Voeteri in Königsberg, der den jungen Hoffmann so anredete und dessen Sterben er voller Ergriffenheit miterlebte) ein sehr eindrucksvolles, gültiges Selbstporträt gestaltet, und andererseits, weil sich gerade durch das autobiographische künstlerische Zeugnis eine poetische Perspektive darbietet, welche eine durchdringende Beobachtungsgabe und »hohe Liebe des Lebens« zur Voraussetzung hat.
Hoffmanns Vermögen, aus den einfachsten Alltagsvorgängen wie aus einem aufgeschlagenen Buch das Menschlich-Allzumenschliche mit seinen vielfältigen sozialen Bezügen und individuellen Eigenarten herauszulesen, kennzeichnet sein meisterhaftes Kunstverständnis. Es sind Hoffmanns eigene Wohnung und sein Fenster im Eckhaus gegenüber dem Theater mit Blick auf »das ganze Panorama des grandiosen Platzes«, von wo aus er beobachtet. Gemäß dem Horaz-Wort »Steht es auch jetzt schlecht, einmal wird es nicht mehr so sein« rührt der Dichter an den Lebensnerv seiner zwischen qualvoller »körperlicher Diät« und der noch erhalten gebliebenen geistigen Schaffenskraft. - » ... Hier ist mir das bunte Leben aufs neue aufgegangen«, lässt er den gelähmten Vetter sagen, »und ich fühle mich befreundet mit seinem niemals rastenden Treiben. « -
Die äußere Anregung für diese Erzählung geht zurück auf die Lektüre der im »Taschenbuch zum geselligen Vergnügen« in den Jahren 1798 und 1799 erschienenen humoristischen Skizze »Scarron am Fenster« von Karl Friedrich Kretschmann, deren Rahmenhandlung der Situation des todkranken Dichters entsprach. Auf sie war Hoffmann schon in einem Brief an den Bamberger Verleger Carl Friedrich Kunz vom 24. März 1814 zu sprechen gekommen: »Gestern abend ... kam ich mir vor wie Scarron, und ein nichtswürdiger Pfropf mit verbrannter Nase würde hinlänglich gewesen sein, der meinigen durch einen Kraftstrich viel Scarronität anzuähneln.«
Für die Ausarbeitung der Erzählung kommt der Zeitraum vom Februar 1822 an in Frage. Die Reinschrift hat Hoffmann im April diktiert und - wie bereits der Entstehungsgeschichte zum »Meister Wacht« zu entnehmen ist - am 14. April an Hitzig gesandt, der das Manuskript an Symanski weitergab.

Hoffmann war während der Zeit vom Mai bis Juni 1818 schwer erkrankt. »Ich bin«, schrieb der Dichter am 13. Juni 1818 an den Schauspieler und Theaterdirektor Franz von Holbein in Hannover, »beinahe 3 Wochen hindurch an einer Verhärtung im Unterleibe gefährlich krank gewesen und liege noch im Bette - es geht aber besser - besser - besser - die Munterkeit des Geistes hat mich nie verlassen -« - Bereits im September/Oktober 1821 meldete sich diese Krankheit erneut, die wohl syphilitischen Ursprungs war und den Dichter allmählich auszehrte. Er schuf noch das Werk »Meister Floh« und meldete den Fortschritt am 21. Dezember dem Verleger Wilmans in Frankfurt, daß er »die Folgen einer so schweren Krankheit« nicht berücksichtigt und seine »Kräfte zu hoch angeschlagen« habe.
Am 1. März 1822 schrieb der Dichter seinem Freund Julius Eduard Hitzig: »Ich habe gestern den völligen Schluß des Märchens diktiert. Aber nun ist mir himmelangst, daß man dem Schluß doch vielleicht die Schwäche des kranken Autors anmerken möchte, und geratener wär es in diesem Fall, denn doch das Ganze liegenzulassen; dann übersteigt aber auch die genaue Durchsicht des Mundi [Werks] durchaus meine Kräfte. Sie, bester Freund, sind der einzige, zu dem ich meine Zuflucht nehmen kann. Schenken Sie mir morgen nachmittags ein Stündchen Ihrer freilich kostbaren Zeit, um die Reinschrift in jener doppelten Hinsicht durchzusehen. - Verlassen Sie mich diesmal nicht in arger Schwulität. - Noch immer bin ich matt und elend. - Noch einmal, verlassen Sie mich nicht.« -
Vom Februar 1822 bis zu seinem Todes am 25. Juni 1822 war Hoffmann bettlägerig und in schwerkranken Zustande, dass er sich nicht mehr rührten konnte; seine Phantasie ließ ihn jedoch nicht im Stich: er diktierte weiterhin seine Werke, von denen ein Teil dann Fragment blieb und erst drei Jahre nach seinem Tode im Alter von 46 Jahren veröffentlicht wurde.