Haimatochare

Die Genesung

Jewel-Box mit einer CD und 16seitigem Beiheft zum Preis von € 8,75

                              Haimatochare - Die Entstehungsgeschichte

Die Erzählung »Haimatochare« erschien in der von Dr. August Kühn herausgegebenen, seit 1819 zum Musik- und Buchverlag von Adolph Martin Schlesinger gehörenden Berliner Zeitschrift »Der Freimütige oder Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser« in drei Folgen am 24., 26. und 29. Juni 1819 (16. Jahrgang, Nr. 125, 127, 129).
Erste Pläne gingen auf Mitteilung Adelbert von Chamissos zurück, die dieser während seiner »Reise um die Welt mit der Romanzoffischen Entdeckungs-Expedition in den Jahren 1815 bis 1818 auf der Brigg ,Rurik’, Kapitän Otto von Kotzebue« (so der Titel des 1821 erschienenen Reiseberichtes) an Julius Eduard Hitzig gesandt hatte und so dem Berliner Freundeskreis zur Kenntnis gelangten. Zu den Hawaii-Inseln im Stillen Ozean segelte das Forschungsschiff zweimal: in der Zeit vom 24. September bis 14. Dezember 1816 und vom 28. August bis 14. Oktober 1817. Die eigentliche Idee der Brieferzählung formte sich jedoch erst im November 1818 nach der Rückkehr Chamissos in den damals wieder auflebenden Berliner Serapionskreis, wobei wohl für Hoffmann die Schilderungen ganz persönlicher Reiseerlebnisse des Heimgekehrten - sicher auch die Rivalität mit Wormskiold - besonders anregend waren. Mit einer fast parabelhaft anmutenden Umschreibung werden die eigentlichen Themen der Erzählung, die Persiflierung des Erfolgsneides zwischen Wissenschaftlern, kleinliche Mißgunst und gegenseitiges »Ausstechen« in
Prioritätsfragen bei Entdeckungen, in einer Eifersüchtelei um die vorgeblich »holde Insulanerin« Haimatochare gestaltet. Die endgültige Konzeption der Brieferzählung stand im Februar 1819 fest.
Der Dichter unterbreitete sie Chamisso am 28. dieses Monats mit der Bitte um zweckdienliche Angaben:
»Die Geschichte von der Laus soll ganz kurz in einer Reihe von Briefen bearbeitet werden. -
Bedingnisse:
1. Zwei Naturforscher (Engländer denk ich) befinden sich auf einem zu irgendeiner Expedition (etwa nach der Südsee oder wohin?) ausgerüsteten Schiffe.
2. Einer von ihnen findet das merkwürdige Insekt zufällig auf irgendeiner Insel - Neid und Haß des ändern! - Hierüber entsteht ein Briefwechsel - Ausforderung - Duell - beide bleiben. -
Es kommt darauf an, daß der Leser bis zum letzten Augenblick, als die Ursache des Streits in einem Schächtelchen auf dem Kampfplatz gefunden wird, glaube, es gelte den Besitz eines schönen Mädchens, einer holden Insulanerin. - Ich bitte mir also mit Hinsicht auf jene Bedingnisse gefälligst anzugeben: a) wohin kann die Expedition ausgerüstet sein?
b) wie heißt das höchst merkwürdige seltene Insekt, und auf welcher Insel wird es gefunden? -
Ich denke, die Laus muß aus dem Geschlecht der Blattläuse, oder wie die Dinger sonst heißen, sein, damit der Naturforscher sie im
Walde oder überhaupt in der freien Natur findet; das gibt denn eine empfindsame Schilderung des Moments, in dem er die Insulanerin fand, die sich am Ende sehr burlesk auflöst. - Der Name des Insekts wäre herrlich, wenn er für den Namen eines Mädchens, einer Südsee-Insulanerin, gehalten werden könnte, um die Mystifikation des Lesers zu befördern! -
Können Sie mir den charakteristischen Namen des Schiffs sowie ein paar tüchtige Nomina propria für die handelnden Personen suppeditieren, tant mieux, -
Ich brauche 1. zwei Naturforscher, 2. den Capitain des Schiffs, der den Bericht erstattet, wie sich seine Naturforscher auf irgendeinem Ankerplatz auf Pistolen schlugen, beide blieben, wie man die unglückliche Ursache des Streits, die man auf dem Kampfplatze fand, ins Meer versenkte ppp.?« -
Chamissos Antwort, wahrscheinlich in einem Gespräch auf Gut Nennhausen des Barons de la Motte Fouqué finden wir im Text wieder. -
Am 21. Mai 1819 wandte sich Hoffmann noch ein zweites Mal an den Freund: »Welchen Rang, welchen Titel hat
der Befehlshaber auf Port Jackson, der die Expedition nach O-Wahu ausrüstet und an den der Capitain des
ausgerüsteten Schiffs Bericht zu erstatten gehalten?«
Die Auskunft darüber verwandte er für die Anrede im ersten Brief.

 

                                   Die Genesung - Die Entstehungsgeschichte

Das kleine, unvollendet gebliebene Erzählstück »Die Genesung« versucht die Anwendung des »humoristischen Prinzips« auf die hoffnungslose Situation des todkranken Dichters. Es erschien - wie »Des Vetters Eckfenster« - in Symanskis Zeitschrift »Der Zuschauer. Zeitblatt für Belehrung und Aufheiterung« in den Nummern 80 und 81 am 4. und 6. Juli 1822.
»Zu dieser Erzählung ... hatte Hoffmann die unbeschreibliche Sehnsucht veranlaßt, die er nach dem Grünen, was ihm in gesunden Tagen ziemlich gleichgültig war, empfand und in dem Monate seines Todes einigemal befriedigte.
Ganz entzückt kehrte er immer von diesen Jammerfahrten, wobei vier Menschen ihn in den Wagen tragen mußten und er oft die heftigsten Schmerzen litt, heim.«, schreibt Hitzig in seiner Biographie »Aus Hoffmanns Leben und Nachlaß« (Berlin 1823, Zweiter Teil, S. 163). Hoffmann diktierte dieses kleine Stück im April 1822 nach der Rückkehr von seinem letzten Ausflug in die Umgebung Berlins und versah es mit dem fingierten Untertitel »Fragment aus einem noch ungedruckten Werke«.
Es ist ergreifend zu lesen, wie Hoff mann sich selbst mit seinem unheilbaren Rückenmarksleiden als nervenkranker Patient einführt und mit den Worten »Tod und Auferstehung« die Symbolik der kurzen Erzählung zusammenfaßt.
Dabei wird das von ihm so oft in poetische Mythen und Bilder umgesetzte »höhere Prinzip« der Natur auf ganz eigene metaphorische Weise als das »Grün des Lebens« beschworen. - In anderem Zusammenhang spricht der Dichter vom »Feuer wahrhafter Überzeugung«, zu dem sein literarisches Ich sich habe hinreißen lassen; unwillkürlich ist dabei an seine Travestie der Demagogenverfolgung zu denken und die gegen den Schwerkranken in der Zeit vom Januar bis zur Vernehmung im Februar 1822 durchgeführten Polizei- und Staatsaktionen.
Der posthum erschienenen Erzählung fügte der Redakteur eine Anmerkung als Nachruf hinzu, in der es u. a. heißt: »Der Verfasser sollte sich der Genesung nicht erfreuen, der Tod raubte ihn uns am 25. Juni, seiner besonderen Teilnahme hatte sich auch dieses Zeitblatt zu erfreuen, an dem er ein sehr tätiger Mitarbeiter war und für dessen Vervollkommnung er mir selbst noch auf seinem Krankenbette mehrere Vorschläge machte, die ich dankbar aufgenommen habe und auszuführen bemüht sein werde. - Obiges Fragment übergab mir der Verewigte wenige Tage vor seinem Hinscheiden; ich teile es den Lesern des ,Zuschauers’ in der Überzeugung mit, daß es ihnen, als das letzte Erzeugnis seiner bewundernswerten, überaus reichen Phantasie, teuer bleiben wird.«