Ritter Gluck - Don Juan


Jewel-Box mit einer CD und 20seitigem Beiheft
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Ritter Gluck
Der Spätherbst in Berlin 8:33
Gespräch über die Musik 14:13
Glucks Armida 9:51 32:35
Don Juan
   Die Fremdenloge im Hotel 3:37
   Der erste Akt 8:07
   Donna Anna in der Loge 4:56
   Der zweite Akt 5:47
In der Fremdenloge Numero 23 8:45
   Das Schicksal der Donna Anna 6:37
Nachtrag: An der Wirtstafel 1:23 39:12

                                                 Ritter Gluck

Am 12. Januar 1809 übersandte Hoffmann aus Bamberg den Aufsatz »Ritter Gluck« dem Redakteur der »Allgemeinen Musikalischen Zeitung«, Friedrich Rochlitz, mit den Worten: »Ich wage es, einen kleinen Aufsatz, dem eine wirkliche Begebenheit in Berlin zum Grunde liegt, mit der Anfrage beizulegen, ob er wohl in der ,Musik[alischen] Zeitung’ aufgenommen werden könnte. Ähnliche Sachen habe ich ehmals in oben erwähnter Zeitung wirklich gefunden, z. B. die höchst interessanten Nachrichten von einem Wahnsinnigen, der auf eine wunderbare Art auf dem Klavier zu phantasieren pflegte [Rochlitz’ Studie »Der Besuch im Irrenhause«]. - Vielleicht könnte ich mit der Redaktion der ,Mus[ikalischen] Zeitung’ in nähere Verbindung treten und zuweilen Aufsätze und auch Rezensionen kleinerer Werke einliefern ... Die Tendenz des beigelegten Aufsatzes werden Ew. Wohlgeboren gewiß nicht verkennen.«
Schauplatz der Handlung dieser »musikalischen Phantasie« ist Berlin im Frühsommer 1808. Hoffmann war am 18. Juni 1807, von Warschau kommend, in Berlin eingetroffen und hatte eine Unterkunft in der Friedrichstraße 179, II. bezogen. Nach der Besetzung Warschaus durch französische Truppen und der Auflösung der preußischen Regierungsbehörden »außer Amt und Würden gesetzt«, war er ohne gesicherte Existenz und bestritt seinen Lebensunterhalt als »freier« Künstler. »Du kannst Dir überhaupt nicht denken, mein einziger Freund«, schrieb er am 12. Dezember 1807 an Theodor von Hippel, »was ich hier in B[erlin] für ein stilles zurückgezogenes Künstlerleben führe. In meinem kleinen Stübchen, umgeben von alten Meistern, Leo, Durante, Händel, Gluck, vergesse ich oft alles, was mich schwer drückt, und nur wenn ich morgens wieder aufwache, kommen alle schweren Sorgen wieder!« In dieser Krisensituation entstand neben mehreren Kammerkompositionen und Vokalmusiken die Erzählung »Ritter Gluck«. Die Exposition hatte der Dichter im Sommer 1808 in Glogau erarbeitet, wohin er Mitte Juni gereist war, Zuflucht findend bei seinem Freund Johannes Samuel Hampe, um die Zeit bis zum Antritt der ihm endlich in Aussicht gestellten Kapellmeisterstelle in Bamberg zu überbrücken. Bereits dreizehn Tage nach Einsendung des Stückes erhielt Hoffmann, einer Bamberger Tagebucheintragung vom 25. Januar 1809 zufolge, einen »sehr angenehmen Brief von Rochlitz aus Leipz[ig].
Er nimmt den ,Ritter Gluck’ zum Einrücken und mich zum Mitarbeiter an der [Musikalischen] Zeitung an.« Die vom Redakteur zur Bedingung gemachten Streichungen akzeptierte der Autor zunächst bereitwillig. »Ich bemerke indessen, daß etwa einzelne anstößige Sätze die Aufnahme des Ganzen nicht verhindern sollen, denn diese bitte ich ohne weiteres wegzustreichen«, schrieb er am 29. Januar 1809 an Rochlitz; »überhaupt werde ich es mit Dank erkennen, wenn Sie, verehrungswürdiger Herr Hofrat! sich meiner Aufsätze annehmen und, was zu breit geraten, abkürzen wollen, wie Sie es schon jetzt mit dem ,Ritter Gluck’ tun werden, denn mein Manuskript kann dadurch nur gewinnen. Von jeder schriftstellerischen Eitelkeit bin ich weit entfernt und auch geneigt, von jedem Künstler das Beste zu glauben, sobald nicht das Gegenteil deutlich konstiert; zu dem gerügten Ausfall gegen W[eber] konnte mich daher auch nur der tiefe Ärger aufregen, den ich in B[erlin] empfand, wenn ich die hohen Meisterwerke Mozarts erst auf dem Theater mißhandeln sah und denn darüber so gemein aburteilen hörte, als wären es Exercitia eines Anfängers.« Aber im Brief vom 15. April 1809 meldete Hoffmann dann doch Bedenken an gegen die Rochlitzschen Eingriffe in den Text: »Mit dem, was an dem ,Ritter Gluck’ geschehen ist, bin ich sehr wohl zufrieden, nur habe ich den ,alten Italiener mit dem gekrümmten Finger’ sowie die ,Berliner Egoisten’ nicht ganz gern vermißt, wiewohl ich mich gern bescheide, daß die Züge des Gemäldes etwas zu grell aufgefaßt sein mochten. Dagegen haben mich der zugesetzte ,Geschlossene Handelsstaat’ und die ,bösen Groschen’ recht sehr erfreut...«
Am 15. Februar (II. Jahrgang, Nr. 20) brachte das Blatt den Aufsatz in der Rochlitzschen Bearbeitung, unterzeichnet mit: nn . Hoffmann bemerkte dazu in seinem Tagebuch (13. März 1809): »Den ,Ritter Gluck’ gedruckt gelesen! es ist sonderbar, daß sich die Sachen gedruckt anders ausnehmen als geschrieben«, und am 25. Mai teilte er seinem Freund Hitzig in Berlin mit: »Sie können meinen Debut in No. 20... sub titulo ,Ritter Gluck’ lesen, ein Aufsatz, der Ihnen in mancher Hinsicht merkwürdig sein wird, dem Sie es aber auch anmerken werden, daß R[ochlitz] hin und wieder nach seiner Art gefeilt hat, welches ich geschehen lassen mußte, unerachtet es mir nicht lieb war.«
Für den Druck des Aufsatzes im ersten Band der »Fantasiestücke« (1814) musste sich Hoffmann, da sein handschriftliches Exemplar verlorengegangen war, erst einen Abdruck der AMZ beschaffen. Das war sehr schwierig; denn Hoffmanns bereits am 16. Dezember 1810 an den Verleger Härtel gerichtete Bitte um den Vorabdruck war ohne Erfolg geblieben. Erst am 26. April 1813 bestand dann (laut einer Mitteilung an Verleger Kunz) die Aussicht, das Stück in der Zeitschriftenfassung auf Umwegen über einen Dresdener Freund, den Komponisten Franz Anton Morgenroth, zu erhalten. Endlich, am 29. April, heißt es im Tagebuch: »Den ,Gluck’ angefangen abzuschreiben« - dabei war nach so langer Zeit der ursprüngliche Text aus dem Gedächtnis nicht wieder herzustellen. Am 10. Mai sandte Hoffmann den nur geringfügig korrigierten Vorabdruck, ohne die beklagten Rochlitzschen Änderungen rückgängig gemacht zu haben, als Satzvorlage an Kunz nach Bamberg. Am 6. Juli erhielt der Autor die ersten beiden Aushängebogen der »Fantasiestücke« mit dem Aufsatz »Jacques Callot« und zwei Dritteln des »Ritter Gluck«; der Rest (der dritte und vierte Bogen) folgte am 19. Juli 1813 nach.

 

                                                 Don Juan

Spätestens am 18. September 1812, bestimmt aber nur kurze Zeit nach der Verlobung des Hamburger Kaufmanns Graepel mit Julie Mark (10. August) und nach dem aufsehenerregenden Auftritt von Pommersfelden (6. September) begann Hoffmann die Arbeit an der musikalischen Phantasie »Don Juan«. Das zum Schreiben bewegende persönliche Motiv ist die dem Dichter unvergesslich gebliebene Aufführung der Oper Mozarts »Don Giovanni« unter der Leitung Franz von Holbeins, der selbst die Titelrolle spielte, am 15. Oktober 1810 (wiederholt am 25. November 1810; 25. März, 19. Mai und 30 Oktober 1811). Carl Friedrich Kunz berichtet darüber in seinen »Erinnerungen...« (S. 35): »Ich war mit ihm darüber einig, daß Holbein, was das Spiel betreffe, der beste Don Juan sei, den wir noch gesehen. ... Man kann sich keine richtigere Auffassung dieses Charakters denken; mit solcher Gewandtheit, solcher Grazie in den Bewegungen und so edler, von Anfang bis zu Ende gleicher Haltung war er hier noch nicht gegeben worden. - Hoffmann leugnete nicht, daß ihm bei Bearbeitung seines Aufsatzes ,Don Juan’ in den ,Fantasiestücken’ Holbeins Bild ebenso vorgeschwebt wie seine Julia bei der Zeichnung der Donna Anna. - Seine Verehrung dieser Oper überstieg oft alle Grenzen besonnener Beurteilung und selbst manchmal den Kulminationspunkt jeder Phantasie...«
Mitten im Wirbel des Julie-»Skandals« schrieb Hoffmann das Stück zu Ende (Tagebuch vom 18./19. September 1812). Am 22. September heißt es: »Abends bei Kunz - poetische Stimmung - dann mein[en] Aufsatz von ,Don Juan’ stellenweise vorgelesen und gefunden, daß er gut ist.« Am 24. September meldet das Tagebuch: »Den ganzen Tag gearbeitet und den ,Don Juan’ vollendet,«
Mit einem Schreiben vom 1 Februar 1813 schickte Hoffmann die Novelle, in der er seiner idealisch-romantischen Deutung des Don-Juan-Stoffes in Mozarts musikalischer Umsetzung poetisch Ausdruck gibt und wiederum echtes Kunstempfinden - verkörpert durch den »reisenden Enthusiasten« (Kreisler-Hoffmann) und die Sängerin - dem musikalischen Philistertum gegenüberstellt, an die Redaktion der »Allgemeinen Musikalischen Zeitung«: »Noch füge ich einen kleinen Aufsatz: ,Don Juan’ pp. , bei, von
dem ich in der Tat nicht weiß, ob e[ine] h[och]v[erehrte] Red[aktion] ihn der Aufnahme in die Zeitung würdig finden wird oder nicht. - Mir scheint, als wenn über die Darstellung des ,Don Juan’ manches Neue gesagt worden und als wenn der ,reisende Enthusiast’ die Überspannung und die darin herrschende Geisterseherei entschuldigen könne, weshalb ich denn wohl die Aufnahme wünschte, indessen ergebe ich mich ganz dem gütigen Urteil e[iner] h[och]v[erehrten] R[edaktion] und bitte nur
um gütige Rücksendung des einzigen Manuskripts, falls der Abdruck nicht sollte erfolgen können.« Das »Kreislerianum« erschien als Einzeldruck in der AMZ Nr.13 vom 31. März 1813.
Mit dem »Don Juan« schließt in der Buchausgabe von 1814 der erste Band ab. Der Text ist mit dem Vorabdruck nahezu identisch; die Ausgabe letzter Hand von 1819 (mit anderer Bandaufteilung) weist lediglich mehrere kleinere stilistische Verbesserungen und Verdeutschungen von Fremdwörtern auf (z. B. »Wirtstafel« statt »Table d’hôte«).