Der Magnetiseur


Jewel-Box mit 2 CD und 28seitigem Beiheft
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CD 1 Träume sind Schäume
1    Träume sind merkwürdig 6:23
2    Die Geschichte des Barons 11:09
3    Die Theorie von Schlaf und Traum 10:02
4    Die höhere Art des Träumens 8:05
   Ottmars Erzählung
5       Theobald 6:14
6       Alban und Theobald 8:43
7       Marias Anfall 10:23 61:59
CD 2 Mariens Brief an Adelgunde
1    Eine Freistatt 6:41
2    Bedrohliche Träume 7:45
Fragment von Albans Brief an Theobald
3    Die Theorie 8:05
4    Die Praxis 6:36
5 Das einsame Schloß 5:13
6 Aus Bickerts Tagebuch 5:40 40:00

                                             Der Magnetiseur

Am 19. Mai, einen Tag vor seiner Abreise von Dresden nach Leipzig, mitten in den Kriegswirren des Jahres 1813, schrieb Hoffmann in sein Tagebuch: »Den Aufsatz ,Träume sind Schäume’ mit großem Glück angefangen.« Dieser Aufsatz sollte sich ursprünglich ausschließlich mit dem Verhältnis von Traum und Leben beschäftigen (vgl. die beiden Traumerzählungen am Anfang). Doch bereits während des unfreiwilligen Aufenthalts in Meißen (Postwagenunglück), am 21. Mai, behielt sich der Verfasser mit der Bemerkung »oder wie ich ihn auch noch anders nennen kann« eine Titeländerung - und damit eine thematische Erweiterung - vor, und in der Tat findet sich in der vollendeten Erzählung die Überschrift »Träume sind Schäume« nur noch über dem Eingangskapitel.
Unter dem Einfluss der Lehren Schellings, die die irrationalistischen Tendenzen in den Naturwissenschaften - Reflex auf die widersprüchliche Entwicklung der Französischen Revolution von 1789 zusammenfassten, hatte die romantische Naturphilosophie um die Jahrhundertwende einen großen Aufschwung erfahren, und die Theoreme über »Sympathetik« oder mystische Harmonie im All (zwischen Geist und Natur, Psyche und Leib) zogen auch das Interesse zahlreicher Gelehrter im medizinischen und psychologischen Bereich auf sich. Nicht zuletzt wurde dadurch den Hypothesen des sogenannten animalischen Magnetismus, der sich nur zum geringen Teil auf experimentelle Beobachtungen stützte, ein weites pseudowissenschaftliches Grundlagenfeld eröffnet. So verwundert es nicht, dass sich auch die romantische Dichtung diese spekulativ-mystischen Positionen zu eigen machte und die propagierten »magischen Sehergaben« (Ahnungen, Traumdeutungen, zweite Gesichte, Instinkte, Hellsehen und Somnambulismus) in poetische Bilder umsetzte.
Schon in Bamberg war Hoffmanns Interesse durch den Verkehr mit dem Medizinaldirektor der Krankenanstalten und Leiter der Irrenanstalt, Adalbert Friedrich Marcus (einem Anhänger Schellings), mit dessen Neffen, dem städtischen Gerichtsarzt und Landgerichtsphysikus Friedrich Speyer (den er später zum Gutachter für die medizinische Seite seiner Erzählung bestimmte) , sowie mit dem Dichter und Redakteur des »Fränkischen Merkur«, Friedrich Gottlob Wetzel (einem Freund des romantischen Naturphilosophen Gotthilf Heinrich Schubert), auf diese Materie gelenkt worden, die in der Folgezeit immer mehr Anziehungskraft für ihn gewann. Hoffmann studierte Karl Alexander Ferdinand Kluges »Versuch einer Darstellung des animalischen Magnetismus als Heilmittel« und Schuberts Abhandlung »Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft«, benutzte zweifellos aber auch die einschlägigen publizistischen Arbeiten von Philippe Pinel (Paris 1801), Ernst Barthels (Frankfurt a. M. 1812) und Johann Christian Reil als Stoffquellen.
Durch die fortgesetzte Beschäftigung mit dem Magnetismus weitete sich Hoffmanns Gesichtskreis; er begegnete dem fragwürdigen Gegenstand mit verstärkter Skepsis, die dann auch die thematische Konzeption seiner novellistischen Arbeit bereicherte.
Über die Fortsetzung der Niederschrift in Leipzig finden sich im Tagebuch Notate vom 27. und 28. Mai sowie vom 3., 4. und 10. Juni 1813. Nach der Rückübersiedlung in die »Elbmetropole« am 24./25. Juni (über Leipzig war der Belagerungszustand verhängt worden) stand dann auch der endgültige Titel fest: »Zu Hause an dem ,Magnetiseur’ gearbeitet« (Tagebuch, 29. und 30. Juni). Am 13. Juli sandte Hoffmann seinem Verleger die erste Abteilung auf dem Umwege über Friedrich Speyer: »Dem Kunz lege ich ein Briefchen nebst Manuskript bei. Es ist die erste Abteilung einer Erzählung, betitelt ,Der Magnetisierer’. - Wie ich glaube, wird Ihnen dieser Aufsatz nicht uninteressant sein, da er eine noch unberührte neue Seite des Magnetismus entwickeln soll; wenn Sie wollen, so lesen Sie das Manuskript«, und am 20. Juli äußerte er sich Kunz gegenüber über die endgültige Konzeption und inhaltliche Zielsetzung: »Der Aufsatz, welcher nach meiner ersten Idee nur eine flüchtige, aber pittoreske Ansicht des Träumens geben sollte, ist mir unter den Händen zu einer ziemlich ausgesponnenen Novelle gewachsen, die in die vielbesprochene Lehre vom Magnetismus tief einschneidet und eine, soviel ich weiß, noch nicht poetisch behandelte Seite desselben (die Nachtseite) entfalten soll. Außer dem, was Sie besitzen, wird die Erzählung noch drei Abteilungen haben, nämlich: Mariens Brief an Adelgunda,
Albanos Sendschreiben an Theobald und ,Das einsame Schloß’. - Mit Albanos Sendschreiben, dem schwersten und, wie ich glaube, dem tiefsten und philosophisch gedachten Teile, bin ich zwar fertig, aber noch nicht im reinen, d. h. noch genügt mir mancher Satz nicht, da eine vollendete Schärfe des Ausdrucks das ist, wornach ich hier durchaus streben muß. - Schon in dem ,Träume sind Schäume’ werden Sie Andeutungen über die Wirkungen des tierischen Magnetismus sowie über Sympathien und Idiosynkrasien finden; allein ob Sie die angelegten Minen, deren Explosion so verderbend wirken soll, ahnden, weiß ich nicht. Am Schlusse der Erzählung wüte ich unter den lebendigen Menschen wie ein Dschingis-Khan; aber es soll nun einmal so sein.«
Am 26. Juli forderte Hoffmann zur Vervollständigung seiner Übersicht über die philosophischen Grundlagen und den Stand der theoretischen Erörterungen bei Kunz Schuberts Buch »Nachtseiten ...« an »Unendlich werden Sie mich durch die Anweisung an [den Verlagsbuchhändler Christoph] Arnold aufs Schubertsche Buch verbinden - eben jetzt, da ich mit dem Studium der Schellingschen ,Weltseele’ [»Von der Weltseele. Eine Hypothese der höhern Physik zur Erklärung des allgemeinen Organismus«, Hamburg 1798] fertig bin, kann ich dazu schreiten.« Anfang August gibt Hoffmanns Tagebuch zusammenfassend Auskunft über die Fortsetzung des »Magnetiseurs«: »In diesen Tagen fleißig und in höchst abwechselnder Stimmung an der Fortsetzung des ,Magnetiseurs‘ gearbeitet .... Mariens Brief geendigt und Albans Brief angefangen.« Die fertige Folge wurde am 12. August mit der Bemerkung an Kunz gesandt: »Albans Brief enthielt eine weit-läuftige imaginäre Theorie des Magnetism, ich habe sie aber ganz beschnitten und mich mehr an die Begebenheit gehalten; nächstens empfangen Sie den Schluß!«
Die novellistische Studie über die Gefahren (»Nachtseiten«) der magnetischen »Heilmethode«, ihre inhumanen Tendenzen und verhängnisvollen praktischen Konsequenzen beendete Hoffmann am 16. August 1813. Der Schluss ging drei Tage später in Reinschrift an Kunz, mit der folgenden abschließenden Bemerkung im Begleitbrief: »... Daß Ihnen der ,Magnetiseur' zusagt, freut mich ungemein, da es mir den Beweis gibt, daß ich mein[e] eignen Sach[e]n ziemlich richtig beurteile! - Erinnern Sie sich denn nicht, daß ich Ihnen selbst sagte, es würde das Beste im Ganzen werden? - Empfangen Sie in der Anlage als Beweis meines Fleißes den Schluß des Ganzen. - Die Katastrophe habe ich, da die Anlage weitschichtig genug, in kurzen, aber starken Zügen gegeben ...« Das gleiche Schreiben vom 19. August 1813 enthält auch die Bestätigung: »Das herrliche Buch: Schuberts ,Ansichten’ pp., habe ich erhalten und bin begierig auf alles, was der geniale Mann geschrieb[en] und schreibt. Scharfsinnig mehr als poetisch ist die Erklärung der Ahndungen der Somnambulen.«
»Der Magnetiseur«, Hoffmanns erste größere Erzählung mit aktuellem Bezug zu naturwissenschaftlich-ideologischen Fragen seiner Zeit, erschien 1814 zusammen mit dem »Berganza« im zweiten Band der »Fantasiestücke« - Später (nachdem er sich mit dem bekannten Berliner Arzt und Magnetiseur David Ferdinand Koreff befreundet hatte) erörterte Hoffmann im Zweiten Band (Dritter Abschnitt) der »Serapionsbrüder« (Ostern 1819) noch einmal das Für und Wider zum Magnetismus, auch diesmal ohne sich endgültig festzulegen, aber doch wiederum in der Absicht, die Euphorie in »Sachen magnetischer Heilverfahren« einer kritischen Betrachtungsweise unterzuordnen.