Charles Perrault

Charles Perrault wurde am 12. Januar 1628 in Paris geboren; sein Zwillingsbruder starb noch als Säugling. Er wuchs in Paris auf als jüngster von vier Brüdern in einer wohlhabenden Familie aus dem Milieu der königlichen Kammerherren. Er studierte die Rechte und wurde 1651 als Anwalt zugelassen.
Bereits während seiner Studien hatte ihn der Eifer für die Literatur gepackt. Im Jahre 1648 verfasste er eine Vergil-Parodie »L'Énéide burlesque« [Die Posse von der Eneide] und 1649 die parodistische Vers-Satire »Les murs de Troie ou L'Origine du burlesque« [Die Mauern von Troja oder Der Posse Ursprung], in der er das Volk von Paris karikierte und auch die herrschenden Kreise nicht schonte.
Sein ältester Bruder Pierre, in hohem Rang im Ministerium der Finanzen, berief ihn 1653 in die Dienste der Krone; in dieser Position hatte er Zugang zum königlichen Hof. Dort und in den Salons des Hochadels brillierte er als vielseitiger Autor, so mit seinen »Odes au Roi et autres poèmes« [Oden an den König und andere Gedichte] und war beliebt als guter Unterhalter.
Der Dichter Jean Chapelain (1595-1674) empfahl ihn Minister Colbert. Dieser er-nannte Perrault 1662 zum Sekretär der Petite Académie, einer Kontroll-instanz für alle Kunstwerke und Literatur, die König Ludwig XIV. zum Kauf angeboten wurden oder ihm gewidmet werden sollten. Aus dieser Position heraus gelangte Perrault zum Status eines obersten Wächters über die Kultur des Staates. Als solcher überwachte er die künstlerische Qualität der königlichen Bauvorhaben, so die Umbauten des Louvre sowie die Planung und den Bau des Schlosses in Versailles, unter anderem zusammen mit seinem Bruder Claude, einem Architekten.
Gegen 1670 überließ ihm Chapelain die Gewährung der Pen-sionen für die Literaten, die aus der königlichen Schatulle gezahlt wurde.
Im Jahre 1671 wurde er mit tätiger Hilfe Colberts in die Académie française gewählt und kurz darauf zum Sekretär und Bibliothekar der Akademie ernannt.
Er heiratete im Jahre 1672, bis zum Tode seiner Frau im Jahre 1678 war die Familie um vier Kinder angewachsen. 1680 gab er seinen Posten am Hofe zugunsten des Sohnes von Colbert auf.
1683 endete Karriere im Staatsdienst durch den Tod des Ministers Colbert, er wandte sich der Schrift-stellerei zu. 1686 verfasste er das christliche Epos »Saint Paulin, Evêque de Nole« [Der Heilige Paulinus, Bischof von Nole].
Anfang des Jahre 1687 löste er in einer Sitzung der Académie française, die eine Huldigung an den Königs dar-bieten sollte, mit dem Gedicht »Le Siècle de Louis le Grand« [Das Jahr-hundert Lud-wigs des Großen] eine Kontro-verse aus, die als »Querelle des Anciens et des Modernes« [Streit des Antiken mit der Moderne] in die Geschichte einging. Dem König schmeichelnd, stellte er die Überlegenheit seiner Zeit über die Antike als bis dato unerreich-bares künstlerisches und kul-turelles Vorbild heraus. Auf der Gegen-seite des Vorzuges der Antike fanden sich Bossuet, Fénelon, La Bruyère, La Fontaine, Racine und Boileau, der 1674 in seinem Werk »L'Art poétique« [Die Kunst des Dichtens] die Überlegenheit der antiken Kunst hervorhob. Auf der Seite der »Modernen'« standen Saint-Évremond, Bayle und Fontenelle.
1688 begann Perrault zur Festigung seines Standpunkts, einzelne Vergleiche in Dialogform zu verfassen, die er bis 1697 in vier Bänden unter dem Titel »Parallèles des Anciens et des Moder-nes en ce qui regarde les arts et les sciences « [Parallelen zwischen Antike und Moderne, in denen sich Kunst und Wissenschaft spiegeln] herausgab.
In der Zwischenzeit hatten sich die Wogen um den ausgebrochenen Streit geglättet; Boileau versöhnte sich 1694 öffentlich mit ihm. Schon in den Jahren zwischen 1691 und 1694 hatte er drei Verserzählungen aus dem Reich der Sagen und Märchen veröffentlicht: »La Marquise de Saluces ou La Patience de Grisélidis« [Die Gräfin von Saluces oder Die Geduld der Griseldis], »Les Souhaits ridicules« [Die lächerlichen Wünsche] und »Peau d'Âne« [Die Eselshaut], die 1694 erschienen und 1695 wegen des großen Erfolges neu aufgelegt wurden.
Seine Ansichten zur zeitgenössischen Kunst und Kultur stellte er in dem Werk dar: »Les Hommes illustres qui ont paru en France pendant ce Siècle« [Die berühmten Männer, die in Frankreich in diesem Jahrhun-dert in Erscheinung getreten sind], das auf vier Bände anwuchs und in den Jahren 1696 bis 1700 erschien.
Um die Jahrhundertwende war dann die Vor-stellung von der Gleichwertig-keit, ja die Über-legenheit der Moderne über die antike Kunst des Dichtens allgemein anerkannt.
Nach dem Erfolg seiner Märchen publizierte Perrault 1697 ohne Autoren-angabe die »Histoires ou Contes du Temps passé, avec des Moralités« [Geschichten oder Erzählungen einer vergangenen Zeit, mit einer Moral], verlegt bei »Claude Barbin, sur le second perron de la Sainte-Chapelle, au Palais, avec privilège de Sa Majesté« [Claude Barbin, im ersten Stock der Anlage der Heiligen Kapelle {einer Ansammlung von Ateliers}, im Palast {im Louvre}, unter besonderem Vor-recht des Königs]. Die Sammlung war in ergebenen Wen-dungen gewidmet der »Mademoiselle« Elisabeth Charlotte d'Orléans, Tochter des »Monsieur«, Philippe, Herzog von Orléans, dem Bruder des Königs, und Lieselotte von der Pfalz, die mit ihren späteren Memoiren für Furore sorgte. Elisabeth Charlotte war einundzwanzig Jahre alt und frisch verheiratet mit dem Herzog von Lothringen und Bar. Unter-zeichnet ist die Widmung mit "P. Darmancour", dem Namen von des dritten, 1678 geborenen Sohnes Pierre, der die Protektion einer hochstehenden Persönlichkeit nötiger hatte als der Vater; er fiel als königlicher Leutnant im Spanischen Erbfolgekrieg einige Jahre später.
Dieses Werk bedeutete in Frankreich den Durchbruch in der Literatur für die Gattung der Sagen und Märchen, die im 18. und 19. Jahrhundert ihren Sieges-zug antraten.
Ebenfalls im Jahr 1697 publizierte Perrault ein religiöses Epos: »Adam ou La Création de l'Homme« [Adam oder die Erschöpfung des Menschen], das dem Bischof Bossuet gewidmet war. 1701 begann er mit der Abfassung seiner Memoiren. Am 16. Mai 1703 verstarb der berühmte Dichter in Paris.
Seine Memoiren erschienen erst im Jahre 1755.

Weiterführende Literatur
Jacques Barchillon, Peter Flinders: Charles Perrault, Boston: Twayne 1981
Hans Kortum: Charles Perrault und Nicolas Boileau. Der Antike-Streit im Zeitalter der klassischen französischen Literatur. Berlin: Rütten & Loening, 1966.
James M. McGlathery: Fairy tale romance. The Grimms, Basile and Perrault. Urbania: Chicago Univ. of Illinois Press 1991
Paul Hazard: Kinder, Bücher nd große Leute. Hamburg 1952
Hans Ritz: Die Geschichte vom Rotkäppchen. Göttingen 1997
R. Robert: Le Conte de fées litteraire en France de la fin du XVII. siècle à la fin du XVII. siècle. Nancy 1982
Pierre Santyves: Les contes de Perrault. En marge de Légende dorée. Les Reliques et les images légendaires. Paris: Laffont 1987
S. Schauf: Die verlorene Allmacht der Feen. Untersuchung zum französischen Kunstmärchen des 18. Jahrhunderts. Frankfurt 1986
Walter Scherf: Lexikon der Zauber-märchen. Stuttgart: Kröner 1986
Bruno P. Schliephake: Märchen, Seele und Kosmos. Weltschau und Sinnbe-deutung der deutschen Volksmärchen. Prag: Bung-Verlag 1942
Michèle Simonsen: Le Conte populaire francais. Paris 1981
Marc Soriano: Les Contes de Perrault: Culture savante et traditions populaires. Paris: Gallimard, 1968.
Marc Soriano: Le Dossier Charles Perrault. Paris: Hachette, 1972.
Hartwig Suhrbier (Hg.): Blaubarts Geheimnis. Märchen und Erzählungen, Gedichte und Stücke, Köln: Diederichs 1984
Jennifer Waelti-Walters: Fairy tales and the female imagenation. Montreal (CAN): Eden Press