»Ich bin ein Kind der Stadt « aus dem Band «Und hättet der Liebe nicht«

Anton Wildgans

Der Name Wildgans ist in Württemberg und Bayern verbreitet, die Vorfahren des Dichters sind nach Wien zugewandert. Joseph Wildgans muss sich als Handwerker niedergelassen haben; die Söhne Jakob und Anton waren Bierwirte. Deren Söhne, der eine Edmund geheißen, wurde Jurist und Magistrat, der andere Apotheker der Krebsenapotheke. Das Haus »Zur
Wildgans« wurde 1806 zur Erbteilung verkauft. Einzig der Großvater des Dichters erreichte ein hohes Alter von 79 Jahren, gepflegt von seinem Sohn Friedrich und einem Landmädchen aus der Krems: Therese Charvat. Diese beiden heirateten; aus dieser Ehe ging der Dichter hervor. Auf das Bauern- und Dienstbotenblut geht sein Erbarmen mit den Enterbten des Glückes zurück und seine Überzeugung, daß es Ehrensache der Besitzenden sei, den Besitzlosen Besitz zu verschaffen: ,,denn nur der Besitz macht frei, und nur die Freiheit erzeugt Menschen".
Nach dem frühen Tode der Mutter an »galoppierender Schwindsucht« 1885 heiratete der Vater zwei Jahre später Marie Reiter, die Tochter eines Stabsarztes.
In der Josephstadt besuchte Wildgans die Volksschule und das Gymnasium der Piaristen. »Wildgans litt schwer unter dem Kampf mit der brutalen Tücke eines Schulbetriebes, der an allem Individuellen vorüber, nicht Begabung ermittelnd, sondern bloß Gedächtnis und Nerven prüfend, mit seinen lächerlichen und schrullenhaften Autoritäts- und Fachdünkeleien den ,schwachen’ Schüler in Selbstmordgedanken hineinquält.«
Im Jahre 1889 legte Wildgans die Matura ab und wäre gerne zum Militär gegangen, sein Pflichtbewusstsein hielt ihn davon ab.
Nach dem Tod seines Vaters fiel er in ein seelisches und materielles Loch, aus dem ihm sein Freund Arthur Trebitsch half: »,,Seiner Gastfreundschaft verdankte ich es, daß ich in einer materiell und moralisch höchst ungewissen Periode meines Lebens dennoch die Kraft fand, meine juristischen Studien zu vollenden, durch seine Vermittlung gingen meine ersten literarischen Arbeiten den Weg in die Öffentlichkeit und durch ihn lernte ich auch schließlich die Gefährtin kennen (Elisabeth Würzl), die mir späterhin als meine Frau liebreich behilflich war, mein Schaffen aus den Verworrenheiten und Unsicherheiten eines phantastischen Bohémienlebens in jene Bereiche des Besinnens zu steuern, in denen ich einzig und allein fruchtbar sein kann. ... Bevor ich heiratete, war ich meiner viele Jahre hindurch nicht inne geworden. Mein Geschlecht ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Ich verlor mich an Frauen, an sinnlose Geselligkeiten, an oberflächliche Freundschaften - und hatte dabei immer die quälende Sehnsucht, nach Einsamkeit, - ohne für sie damals auch nur im entferntesten reif gewesen zu sein. Ich habe geheiratet, um gleichsam reif für die Einsamkeit zu werden.''«
Zu den Gedichtbänden »Herbstfrühling« (1909) und »Und hättet der Liebe nicht...« (1911), bemerkt er: »,,Die Neuartigkeit eines Kunstwerks besteht für mich darin, daß ein neuer Mensch die ewigen Dinge neuartig beobachtet, Die neuartige Form stellt sich dann von selbst ein. Andere sind praktisch und theoretisch der entgegengesetzten Meinung.''«
Mit dem Gedichtband »Die Sonette an Ead« lieferte er dem Leipziger Verlag Staackmann das naturalistische Drama »In Ewigkeit Amen.« aus der Atmosphäre des ermittelnden Staatsanwalts und des Untersuchungsrichters. Es gelangte am 24. Mai 1913 am Deutschen Volkstheater in Wien zur Aufführung.
Der Sohn Friedrich erblickte am 15. Juni 1913 das Licht der Welt.
Der Erfolg des Stücks veranlasste den Dichter 1913/1914 zur Arbeit am Drama »Armut«, das sich an Hauptmanns Werke »Das Friedensfest« und »Hanneles Himmelfahrt« anschließt in seiner Schilderung des menschlichen Elends. Das Stück kam am 16. Januar 1915 im Deutschen Volkstheater zur Aufführung. Es erhielt den Volkstheater-, den Bauernfeld- und den Grillparzerpreis.
Nach Kriegsausbruch meldete er sich zur Pressestaatsanwaltschaft; er zog sich bald zurück, da es nichts von Belang zu leisten gab. Die »Österreichischen Gedichte 1914/1915« waren sein Beitrag: »Die geistige Anteilnahme des Dichters ist aber das Gedicht. So habe ich gewagt, ein paar Gedichte zu schreiben und zu veröffentlichen, die aus dieser furchtbaren Zeit empfangen sind. Ich schrieb für die Männer, die draußen stehen und deren Blut rinnen muß dafür, daß ich hier friedlich in meinem Gartenhaus sitze, als wenn es keinen Krieg auf Erden gäbe. Ich habe nicht das große Blutbad verherrlicht, sondern nur auf jene hingewiesen, die seine Opfer sind.«
Im Herbst 1915 begann er die Arbeiten am Drama »Liebe«, einer menschlichen Tragödie um Freundschaft, Liebe und Überdruss. Die Uraufführung fand am 18. November 1916 im Deutschen Volkstheater zu Wien statt. Im Jahre 1917 legte er den Gedichtband »Mittag« vor. Hier hat er sich in eine eigenes Ich zurückgezogen das sich aus der Erdgebundenheit wieder entwickelt; es zeigt Züge der Dichtungen Baudelaires in einem gewissen Hang zur Poesie des Hässlichen, Abscheulichen.
Seine Bühnenerfahrungen veranlassten ihn zu einem Entwurf, im Gegeneinanderspiel von Monologen ein »Drama höchsten Stils« zu entwerfen: »,,Lautgewordenes Schweigen zwischen Menschen. Die Hochspannung solchen Schweigens entlädt sich in Worten, die man zu sich selbst spricht. Der Rhythmus der Ekstase, ist ihnen daher natürlich, mit anderem Worte: der Vers. Es ist und bleibt ein Lyrikon: die Musik der Monologe.''«
Im Lauf des Jahres 1919 entstand das erste Stück einer geplanten biblischen Trilogie: »Kain«, mit Absicht als »mythisches Gedicht« apostrophiert. »,,Vier Menschen sprechen mit verteilten Rollen ein Gedicht. Das Schauspielerische komme dazu nur als Reflexbewegung, mit der die Körper auf die Erregungen und Erschütterungen der Seelen sich selbst antworten. Und die gemalte Szenerie ersetze bloß die Schilderung des Ortes in den Versen selbst. Der Dichter hat sie nur weggelassen, um das innere Geschehen nicht aufzuhalten.''«
Nach dem »Kain« machte sich Wildgans im Jahre 1920 an die Arbeit des »Moses«, dem zweiten Teil. Geplant war der dritte Teil unter dem Motto: »Christus«.Bereits um diese Zeit machte sich eine Erkrankung bemerkbar, die ihn für sein weiteres Leben zeichnete: eine Angina Pectoris.
In diese Zeit fiel das Ansuchen des Präsidenten der Bundestheaterverwaltung, Sektionschef Dr. Adolf Vetter, die Intendanz des Burgtheaters zu übernehmen. Bei den Schauspielern setzte sich Max Devrient für ihn ein. So trat Anton Wildgans am 1. Februar das Amt des Intendanten am Burgtheater an. Der neue Intendant stellte die Forderung, »alle Mittel, die der Staat den Zwecken der Sprechtheaterkultur zuzuwenden vermochte, in erster Linie dem Burgtheater, der Aufforstung des stark gelichteten Ensembles und der modernen Ergänzung seiner vielfach mangelhaften technischen Einrichtungen zuflossen.«
Darüber geriet er mit dem Präsidenten in Konflikt, dessen »Kunstpolitik« dem Intendanten nach Parteipolitik roch; die Einrichtung des Akademietheaters als Filialbühne wurde hintertrieben und die Konkurrenz des Reinhardt-Ensembles in Schönbrunn gegen seinen Willen erheblich gefördert. Er wandte sich gegen die »gebundenen Vorstellungen«, die gegen geringes Entgelt für die Bildungszentralen der Parteien abgehalten werden mussten sowie die Verwüstung und Verschleuderung des Kostümfundus an die Filmindustrie.
Der zweite Sohn Gottfried wurd am 21. März 1921 geboren.
Als er es wagte, dem Unterrichtsministerium den Entwurf einer Dienstinstruktion vorzulegen, die eine unmittelbare Unterstellung ohne Zugriff der Bundestheaterverwaltung vorsah, war sein Schicksal beschieden.
»Da benutzte man seine Erkrankung im Juni 1922, ihm vorzuspiegeln, ,daß die Regierung seinen sofortigen Rücktritt wünsche, widrigenfalls er ihrerseits gekündigt würde’; überrumpelt, forderte er seine Entlassung.«.
Einige Wochen vorher, am 4. Mai 1922 errang die Dichtung »Kain« bei der Uraufführung im Burgtheater einen Achtungserfolg. Nun setzte der Existenzkampf ein; die Inflation in Deutschland machte die Honorare wertlos, das Vermögen seiner Frau war durch die österreichische Entwertung zu einem Nichts geschrumpft. Man besaß noch das im Jahre 1918 erworbene Haus in Mödling.
Der Ausgabe der »Sämtlichen Gedichte« im Jahre 1923 folgten ein Jahr später die »Italienischen Sonette«. Die »Wiener Gedichte« wurden 1926 zusammengestellt. Die »Gedichte um Pan« entstanden 1928, das »Buch der Gedichte« wurde 1929 herausgegeben. Das Gesamtwerk erschien 1930.
In den Jahren 1926 und 1927 schuf er das Epos: »Kirbisch oder Der Gendarm, die Schande und das Glück«. Im Mittelpunkt steht das Kriegsgewinnlertum, das sich nicht um menschliches Elend an der Front oder in der Etappe kümmert.
Zur Republikfeier am 12. November 1929 wollte er als Gast der Schwedisch - Österreichischen Gesellschaft in Stockholm ein Plädoyer für das Neue Österreich halten. Ein Anfall seines chronisches Venenleidens vereitelte die Reise. Die »Rede über Österreich« erschien nun in gedruckter Form.
In das Jahr 1930 fällt auch der Prosaband »Musik der Kindheit. Ein Heimatbuch aus Wien«. Am fünfzigsten Geburtstag ab
der Verlag L. Staackmann in Leipzig, dessen Inhaber der Dichter als intimen Freund schätzte, eine Gesamtausgabe heraus.
Die Unzufriedenheit des Burgtheater-Publikums unter der Direktion Herterich führte dazu, dass Anton Wildgans ein zweites Mal an die Spitze des Instituts trat. Er war nach wie vor besessen vom Theater: »Es kann zwar ein Dichter den Weg bereiten und weisen, dem Schauspieler aber imponiert das nicht, er will Fleisch von seinem Fleische und versteht nur die Sprache, die er selber spricht.«
Den Niedergang der Spielstätte als Spielball politischer Interessen konnte auch er nicht mehr aufhalten; er legte am 31.
Dezember 1931 seine Intendanz nieder, nachdem ein Nachfolger gefunden war.
Er starb am 3. Mai 1932 in seinem Haus in Mödling, Niederösterreich; seine Frau fand ihn um »dreiviertelacht Uhr früh ...
entseelt in seinem Arbeitszimmer; ein Herzschlag hatte seinem Leben ein Ende bereitet«.

Der Dichter im Jahre 1930